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"Die SED-treuen Lehrer haben ihren Einfluss wieder enorm ausgebaut"-----Die Welt /09/08/08


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Die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier nimmt die Verharmlosung der sozialistischen Diktatur nicht hin und erzählt Schulklassen von ihren Erfahrungen

Jüngst förderte eine Studie unter deutschen Schülern riesige Wissenslücken zur SED-Diktatur zutage. Diese Lücken versucht die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier zu schließen, indem sie regelmäßig Schulklassen besucht. Mit Freya Klier sprach Andrea Seibel.

DIE WELT:

Wann standen Sie zum letzten Mal vor einer Schulklasse?

Freya Klier:

Gerade war ich in Oberschwaben und im Rheinland, davor in Mecklenburg-Vorpommern, in jeweils fünf Schulen. Ich bin angefragt bis weit ins nächste Jahr hinein. Die Schulen schreien nach mehr DDR-Geschichte.

Was reizt Sie an Schulen?

Klier:

Ich komme vom Theater, will Zeitgeschichte spannender darstellen. Bis Mitte der Neunzigerjahre war ich nur Zeitzeugin, ging in Schulen und erzählte in einer Doppelstunde von meinen Erlebnissen in der DDR. Bis ich merkte, das reicht nicht. Man muss Schüler viel tiefer in ein Thema hineinziehen.

Es inszenieren?

Klier:

Ich will kein Entertainer sein, bin aber authentisch und leidenschaftlich, manchmal auch heiter. Das spüren Schüler. Ich möchte Lehrer entlasten. Sie haben alles abzufangen, etwa die Elternhäuser, die sich nicht kümmern, haben Lehrinhalte, die sie oft nicht teilen. Ihre Arbeit schlaucht sehr. Sie können nicht von außen schöpfen, sind immer an die Schule gefesselt.

Die Schüler kommen ohne große Neugier und sind dann angetan. Wie erreichen Sie das? Sie erhalten ja viel positive Rückmeldung.

Klier:

Ja. Aus einer Schule habe ich 90 Briefe bekommen. Also: Ich konzipiere einen Projekttag und orientiere mich durch eine Fangfrage: Wann wurde die Mauer gebaut? Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, weiß ich, welcher Wissensstand mich erwartet. Ich gehe durch 40 Jahre DDR in sechs Stunden und beginne mit den frühen Fünfzigern. Jedes Jahrzehnt ist ja anders. Ich zeige Filme, die ich gedreht habe - "Moskau-Paris-Express" oder "Johanna". Dann kommt Jugend in der DDR. Danach die Achtzigerjahre. Sie waren etwas lockerer - warum? Der dritte Teil besteht aus einer langen Gesprächsrunde. Ich sage dann, dass heute noch mehr als 70 Länder Diktaturen sind.

Was antworten Sie, wenn ein Schüler fragt, was die DDR war?

Klier:

Ich sage: Ein Land, in dem die Leute nicht entscheiden konnten, was sie tun. Sie konnten nicht wählen, nicht frei reden. Sie durften nicht reisen, waren eingesperrt.

Und wenn dann einer sagt: Aber viele Ostler sagen doch, das Leben war gar nicht so schlecht?

Klier:

Dann sage ich: Das haben die Nazis auch gesagt von ihrem Land. Andererseits meinen manche Menschen ihr Privatleben, das war auch bei mir nicht gerade schlecht, natürlich haben wir da gelebt und wollten glücklich sein. Und dennoch ist es eine Diktatur gewesen.

Jemand nannte Sie mal "Diktaturbeauftragte".

Klier:

Ach nee. Ich sehe einfach die Notwendigkeit, den Kontakt zu den Jüngeren aufzunehmen. Die, die in der Demokratie aufwachsen, haben doch keine Vorstellung, was war. Lehrer arbeiten mit Fakten, Zahlen. Die Jugend dockt da nur schwer an. Sie will Geschichten. Diese ganze Generation kommt nicht zu Bildungsveranstaltungen am Abend. Also komme ich zu ihnen.

Gehen Sie an die gleichen Schulen zurück?

Klier:

Ja, einige Schulen haben mich in ihren Lehrplan integriert. In NRW etwa. Aber andere wollen auch drankommen. Ich möchte, dass man einen Schülerprojekttag zur DDR-Geschichte in allen Klassen macht. Man kann ihn auch in einer Gedenkstätte verbringen.

Gehen Sie weniger gern in die neuen Länder?

Klier:

Nein, doch hier gibt es ein Problem. Die kirchlichen und Privatschulen schlagen sich recht wacker. Aber an den staatlichen Schulen ist vielleicht ein Drittel der Lehrer offen für kritische Reflexion, die anderen blocken das ab. Uns fällt heute auf die Füße, dass nicht beherzigt wurde, was wir schon zu Beginn der Neunzigerjahre in Initiativen zur Demokratisierung der Ostschulen gefordert haben: die Systemträger unter den Lehrern zu entlassen. Diese Lehrer haben ihren Einfluss wieder enorm ausgebaut. Deren ehemalige Schüler sind heute Studenten und werden an internationalen Universitäten ausgelacht, wenn sie die DDR loben.

Auf Ihrer Homepage steht als elftes Gebot: Du sollst dich erinnern.

Klier:

Wir müssen uns erinnern! Gerade für diese junge Generation haben wir als Gesellschaft noch nicht die richtigen Mittel gefunden. Einzelaktionen wie meine Schulbesuche können ja nicht das Nonplusultra sein.

Wollen Sie noch weitermachen?

Klier:

Warum denn nicht? Ich erzähle ja nicht nur aus meinem Leben, sondern auch von anderen Schicksalen. Oder wie das Wort Individuum aus dem Sprachschatz der DDR verschwand und die Selbstmordrate stieg. Ich streue geschickt Hintergrundwissen ein. Ich bin aber auch keine Missionarin, sondern freue mich einfach, wenn Jugendliche sich interessieren.

Was bleibt von der DDR? Sicherlich nicht nur ein Glas Spreewaldgurken.

Klier:

In der Gesamtgeschichte wird der Ostblock bleiben, die Sowjetunion mit ihren 70 Jahren Kommunismus. Wir wissen noch nicht, was uns bewegen wird in der Zukunft. Aber wir können mit Gegenwart nur umgehen, wenn wir zurückblicken. Das braucht jeder Mensch.

Wie sehen Sie beim Unterrichtsstoff das Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und DDR?

Klier:

Die Schüler beklagen sich, dass sie zu wenig über die DDR erfahren.

Können Sie auch problemlos über Persönliches sprechen?

Klier:

Es gibt Momente in meinem Tagebuch, da breche ich noch jetzt in Tränen aus. Die Stelle zum Beispiel, wo meine Tochter zurückblieb, als ich verhaftet wurde, da wäre ich fast verrückt geworden. Jeder Vortragende, der solche Dinge erlebte, glättet die innerlich so, dass er sie erzählen kann, ohne selbst überwältigt zu werden. Ich habe die DDR relativ gut verkraftet, trotz Stasi-Kinderheim und Haft. Ich habe von meiner Mutter ein gesundes Naturell geerbt. Es gibt aber ganz viele, die schwer DDR-geschädigt sind. Nicht nur solche, die im Gefängnis saßen.