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Schwarzbuch

"Herrschende Klassen gehen zugrunde, wenn sie den Glauben an sich selbst verlieren" Karl Popper


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LESERBRIEF
von S. Reiprich - Spiegel 44/2006
Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist natürlich gut, dass Sie an die Ausbürgerung Wolf Biermanns vor dreißig Jahren erinnern. Aber leider verkürzen auch Sie die Geschichte der Proteste gegen diesen spätstalinistischen Willkürakt auf die seiner Freunde und Künstlerkollegen in "Berlin, Hauptstadt der DDR".
Es fragt sich jedoch, ob nicht die spontane Protestbewegung "von unten", vor allem im Süden der DDR, die SED-Diktatur mehr und nachhaltiger erschüttert hat als Störungen in der symbiotischen Beziehung zwischen Staatspartei und parteinahen Staatskünstlern. Hunderte vor allem junger Leute protestierten, "zeigten Gesicht", nahmen Verhaftung, Gefängnis oder vielfältige Diskriminierung, Unirausschmisse, "Zersetzung", Ausbürgerung in Kauf. Sie gehörten, anders als die durchaus mutigen Ost-Berliner Künstler, nicht zur "nichtfolterbaren Klasse". Stellvertretend seien hier nur die "Jenaer Jungen Arbeiter", der verbotene Arbeitskreis Literatur und Lyrik Jena, oder die Schriftsteller Gabriele Stötzer, Jürgen Fuchs und Lutz Rathenow aus Erfurt, Reichenbach und Jena, oder die Liedermacher Gerulf Pannach und Christian Kunert aus Leipzig genannt. Letztere drei landeten z.B. im Stasiknast Hohenschönhausen (Andere hingegen bekamen Westreisepässe). Dass Wolf im Spiegel-Interview kein Wort für unsere toten Freunde Jürgen Fuchs und Gerulf Pannach findet, ist nicht nur bitter, sondern vor allem ein netter Beitrag zum Thema "gutartiger Narzißmus von Künstlern" (Erich Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität)...
"Ihr seid die Hausherren von morgen", hatten die SED-Oberen unserer, der ersten ganz und gar in der DDR sozialisierten Generation, immer wieder gesagt und größte Hoffnungen auf die Jugend gesetzt. Und nun drohte ihnen diese zu entgleiten! Nach der marxistischen Theorie konnte das aber gar nicht passieren, denn das (sozialistische) Sein bestimmte doch das Bewußtsein, oder? "Herrschende Klassen gehen zugrunde, wenn sie den Glauben an sich selbst verlieren" (Karl Popper) - war dieser Effekt nicht auch Teil des "Anfang(s) vom Ende der DDR"?
Schade, dass dieser Aspekt in Ihrem Beitrag keine Rolle spielt.
Mit freundlichen Grüssen
Siegfried Reiprich
Referent für politische Bildung
Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
Genslerstrasse 66
13055 Berlin
Tel.: 030/986082-402
Fax: 030/986082-464
http://www.stiftung-hsh.de
P.S.: Vielleicht darf ich zu den Hintergründen der historischen Vorgänge von 1976, 77 auf einige Bücher hinweisen: Auerbach, Hinkeldey, Kirstein: DDR-Konkret; Fuchs, Vernehmungsprotokolle, 3499127261; Reiprich, Der verhinderte Dialog, ISBN 3-9804920-2-8; Scheer, Vision und Wirklichkeit, ISBN: 3-86153-186-0, sowie die Ausstellung Mut der Wenigen, siehe Anhang. Die kurze Geschichte eines jungen Arbeiters aus Sachsen, der, ganz auf sich gestellt, Flugblätter verteilte, finden Sie hier: http://www.stiftung-hsh.de/page.php?cat_id=CAT_224&con_id=CON_699&page_id=379&subcat_id=CAT_224&recentcat=&back=&special=0&html=0