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"Die Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte gehört in die Schulen ,, ..Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU). MA


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GASTBEITRAG: Gegen das Verdrängen


Die Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte gehört in die Schulen

Die Ergebnisse der Studie über das DDR-Bild deutscher Schüler sind bestürzend, dürfen aber eigentlich nicht überraschen. Sie sind die logische Konsequenz eines systematischen Vergessens und Verdrängens.

Vor allem im Osten scheinen wir die Begegnung mit der eigenen Geschichte zu scheuen. So besuchten im vergangenen Jahr nicht einmal 6000 ostdeutsche Schüler das frühere Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. Aus Westdeutschland kamen im gleichen Zeitraum zwölf Mal mehr Schüler. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass bayerische Hauptschüler mehr über die DDR wissen als Brandenburger Gymnasiasten.

Auch zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall sind wir zur Erinnerung und zur Aufklärung verpflichtet. Wir müssen uns endlich offen und ehrlich mit den Prägungen von vierzig Jahren SED-Diktatur befassen.

Über vier Jahrzehnte versuchten die DDR-Machthaber, einen „neuen Menschen“ zu schaffen. Dieser Anspruch wurde konsequent auf alle Gesellschaftsbereiche übertragen. Da die „Herausbildung der kommunistischen Moral“ frühstmöglich beginnen sollte, wurden Hortnerinnen dazu angehalten, bereits bei „den Kleinsten“ die „Fähigkeit und den Willen, Nützliches für das Kollektiv zu leisten herauszubilden.“

Auch in der Wirtschaft hieß es: „Kollektiv statt Eigenverantwortung“. Das traditio-nell eigenverantwortliche Handwerk wurde bis auf wenige Ausnahmen in kollektive Produktionsgenossenschaften überführt, der freie, eigenverantwortliche Bauer zum Landarbeiter degradiert. Die Folgen sind unübersehbar. Einem Staat mit totalitärem Anspruch wie der DDR standen naturgemäß die Kirchen im Weg. Die Mischung aus Repression und Indoktrination zeigte auch hier nachhaltige Wirkung. 1964 waren noch 72 Prozent der Bevölkerung Mitglied in einer Kirche, 1989 waren es nur noch 20 bis 30 Prozent. Noch immer gehen mehr Kinder zur Jugendweihe als zur Konfirmation.

Wer sich dem System widersetzte, geriet schnell in die Fänge der Staatssicherheit. Zum Ende der DDR gab es über 90 000 hauptamtliche Mitarbeiter und 174 000 inoffizielle Mitarbeiter. Mehr als 3,4 Millionen Menschen entzogen sich diesem Repressions- und Kollektivierungssystem durch Flucht – ein Aderlass an Bürgertum und gesellschaftlichen Leistungsträgern ohnegleichen, der bis heute nachwirkt.

Wir müssen den jungen Menschen, die sich kein eigenes Bild von der Wirklichkeit der DDR machen konnten, vermitteln, was der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie ist. Vor diesem Hintergrund ist es unbegreiflich, warum Brandenburg als einziges der neuen Bundesländer nie einen eigenen Stasi-Beauftragten eingesetzt hat. Die gründliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR muss auf dem Lehrplan jeder Schule stehen. Zudem benötigen wir in diesem Bereich eine Intensivierung von Maßnahmen der politischen Bildung.

Nur indem wir das Gespräch suchen, können wir die getrennte Vergangenheit unseres Volkes hin zu einer gemeinsamen Zukunft gestalten. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um eine gemeinsame Gesellschaft der freien und mündigen Staatsbürger. Nie wieder Unfreiheit und Repression – dafür Freiheit, Recht und Eigenverantwortung sollte unsere Lehre aus der Vergangenheit sein. (Von Jörg Schönbohm)