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Ein selbsternanntes "Richtschwert" der Nachwendezeit...


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Die kruden Argumente des Theologen Richard Schröder zur Stasi-Opferpension

Strelnikow, angetan mit Nickelbrille und schwarzer Lederjacke, aus der gelegentlich das hölzerne Futteral des schweren Nagan- Revolvers hervortritt, ist in Boris Pasternaks Roman „Dr. Schiwago“ die Rolle des blutigen Richtschwerts der Bolschewisten zugedacht: Mit einem Panzerzug rollt er zu den Brennpunkten der Revolution, um aus den wirren Augenblicken der Lage heraus zu richten. In der unliterarischen, zudem blutigeren Wirklichkeit jener Ära hießen die Richtschwerter Kaganowitsch oder Berija. Es gehört in die Logik jener Umwälzungsprozesse, dass die Kinder der Revolutionen mitunter selbst gefressen werden. Berija wurde erschossen, Kaganowitsch wurde Leiter einer Firma im fernen Sibirien, starb ohne einen ehrenden Nachruf der Partei.

Soweit, so gut, jedenfalls insofern, als in jener Ära die Täter gerichtet wurden.

Problematischer wird es mit jenen Personen, die über gescheiterte Umbrüche mit einer gewissen, schier unaufhaltsamen und irgendwie unabwendbaren Zwangsläufigkeit nach oben kommen, um fortan die Instrumente für nunmehr ganz anders klingende Melodien zu stimmen: Trotz der egalitären Ziele der französischen Revolution bemühten sich etwa ein „de“ Robespierre oder ein „de“ Beaumarchais um die widerrechtliche Führung eines Adelstitels; sie wollten schlichtweg Nutznießer des Umbruchs sein, gleichgültig, welche Ziele auch immer gerade verfochten wurden. Andere Schlaumeier stellten ihr Herrschaftswissen bereitwillig zu neuer Verfügung…

In unseren Tagen meldet sich nun der an der Berliner Humboldt- Universität lehrende Theologe Richard Schröder zu Wort, um mit geradezu grotesken Argumenten gegen die gelinde gesagt nicht gerade üppig veranschlagte Höhe der Stasi-Opferrente breiteste Front zu machen.

Er versteigt sich zu den Thesen, „wer wegen ´Republikfluchtversuchs´ bestraft wurde, musste für seinen Freiheitsdrang büßen, er hat aber dabei ebenso wenig ´für Freiheit und Demokratie´ gestritten wie derjenige, der wegen eines politischen Witzes hinter Gitter kam“. Diese völlig abwegig unhistorische Argumentation ist ihm aber nur das Mittel für den niederen Zweck, politischen Widerstand zu relativieren, für den dann auch in gedanklicher Konsequenz keine Opfer- oder eben Ehrenpensionen gezahlt werden müssten.

Wäre Herr Schröder ein Westdeutscher aus einem weit westwärts liegenden Provinznest, könnte man beide Augen mit äußerster kirchenchristlicher Barmherzigkeit zudrücken: Schwamm drüber, er kann es nicht besser wissen! Lasst ihn Erbsen zählen oder Radieschen aussäen. Aber er ist im Ostteil Berlins aufgewachsen, und wenn er zwischen den Vorlesungspausen auf den schmalen Gängen des Sprachenkonvikts für das System anstößige Geschichtchen zu erzählen wusste, dann sicherte er schon aufmerksam seitwärts, ob nicht doch unbekannte Mithörer ihm daraus einen Strick flechten könnten. Will heißen, er wusste schon um die Lage und ebenso, dass es auch ihn hätte „erwischen“ können.

Es konnte doch damals nur um winzige Schrittchen gehen, um das SED-Regime zu erodieren. Die „Abstimmung mit den Füßen“ war die seit 1949 bedeutsamste politische Aktion, die nach 1961 ihren Widerstandswert keineswegs einbüßte, sondern sogar noch verstärkte. Brachte doch schließlich der ins Große gehende Wille zur Ausreise, das von Anfang lecke Staatsschiffchen DDR endgültig zum Untergang.

Ob das Herrn Omnes, um mit Bruder Luther zu reden, jedermann im Einzelfall mit letzter Konsequenz bewusst war, steht dahin, bleibt auch hier ohne Belang. Faktisch hat es so gewirkt. Und der von der Stasi in Gewahrsam Genommene, wenn es den schief gegangen war, hatte die Sache in Bautzen oder Brandenburg mit schwersten Folgeschäden schließlich durchzustehen.

Aber ob der Theologe Schröder hierüber richten darf, wo er es doch mitsamt seiner Gelehrsamkeit wissen müsste, dass es jenseits der Satzungen von Parteien und ihren Mitgliedsbüchern doch noch einen ganz anderen Richter und eine ganz andere Totalität gibt?

Gut, Herr Schröder hat keinen Panzerzug, trägt keine Lederjoppe, besitzt mutmaßlich keinen Nagan- Revolver und keine mit Nickeldraht gefasste Augengläser, sondern eine dicke Hornbrille. Aber wäre er mit der Sorge um das Seelenheil seiner in der SED-Zeit so bedauerlich oft gestrauchelten Amtsbrüder nicht zureichend beschäftigt? Nachhaltigkeit, um das wundersame Wortgeschöpf aus dem so lebensprall quellenden Sprachschatz unserer gelernten Demokraten zu bemühen, wäre hier, wo es doch um das Menschlich-Allzumenschliche geht, von dem der Kirchenhistoriker Gerd Besier in seinem mehrbändigen Konvolut so unendlich viel Beklemmendes zu berichten weiß, durchaus und einzig am Platze. Aber davon hört man in Kirchenkreisen wenig…

Schaut man zurück, so waren kaum die kirchlichen Glückwunschtelegramme aus Anlass des gescheiterten Attentats auf Hitler durch „Gottes wunderbare Rettungstat“ in die hintersten Winkel dunkler Archive verbannt, da trafen schon die ersten kirchenchristlichen Loyalitätsbekundungen im ZK der SED ein, während die profanen Nachkriegsbürger noch ihre fünf Sinne beieinander hielten, um sich gegenüber dem Regime zu formieren. Übrigens durchaus im engsten Bunde mit nicht wenigen Christen.

Warum finden wir den im Zweifel gut bezahlten Theologen Schröder nicht auf der Opferseite? Wenigstens damit befasst, dass er um Verständnis dafür bäte, wenn wegen der immensen Höhe der Staatsverschuldung gegenwärtig nicht mehr gezahlt werden könne. Oder er erhöbe seine Stimme, um die riesigen Ausgaben für rechtlich bedenkliche Kriegsaktionen außerhalb des Nato-Bereichs zu stoppen, damit ( z.B.)das Geld dann in die Schatullen der SED-Opferverbände käme. Oder er hätte einen Sondervorschlag zur Verbesserung der

Lage all der Bürger, deren „Sonderopfer“ für die Einheit- die 1945-1949- Konfiskationen- er als positiv und als gute Lösung begrüßt hatte.Oder er verlangte wenigstens von der Regierung die Zahl der Kriegstoten zu ermitteln, die bisher bei Auslandseinsätzen zu Tode gekommen sind, oder er ermunterte unsere Politiker mit konketen Anregungen, endlich ihre Macht zur rechten Ausformung grundgesetzlicher Gebote zu nutzen.

Das tut Herr Schröder aber nicht. Er wird wohl immer auf der anderen Seite bleiben. Er trägt weder eine Lederjoppe noch eine Nickelbrille und vermutlich keinen Nagan- Revolver…

Peter Fischer

Fischer ist Journalist und Romanautor ( „Der Schein“)