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Gallische Bürgermeisterin gegen Abwasser-Römer.....von Jürgen Schwenkenbecher /// BERLINER ZEITUNG/GEZETT "Freistaat Briesens


Doris Groger will keine Kanalisation für ihr Dorf - dafür radelte sie schon bis nach Brüssel

BRIESENSEE. Der Gallier ist weiblich, heißt Doris Groger und ist 48 Jahre alt. Groger ist auch ehrenamtliche Bürgermeisterin des Dörfchens Briesensee am Rande des Spreewaldes, vor allem aber ist sie Gallierin und leistet Widerstand gegen die Übermacht der Abwasser-Römer im Landkreis, in Potsdam und Berlin.

Und so sitzt Groger am Donnerstagabend nicht am Tisch mit den zehn Bürgermeister-Kollegen des Amtes Oberspreewald in Straupitz, die Fragen wie die Nachfolge des scheidenden Amtsdirektors beraten wollen, sondern macht von den Zuschauerstühlen aus ihre Bemerkungen. Umgeben von Mitstreiterinnen, so wie schon beim letzten Treff der Bürgermeister. Das Shirt, das Groger und einige der Frauen bei solchen Gelegenheiten tragen, ist nicht elegant, aber mit der Aufschrift "Freistaat Briesensee" fotogen. Das Bild vom kleinen gallischen Dorf im Kampf gegen die Abwasser-Römer haben die Briesenseer selbst gewählt.

Laut ist die Stimme der Bürgermeisterin. "Wenn wir aus dem Betreiber-Vertrag rauskommen, führt das zur Kostenentlastung für alle", sagt sie. Fast flehentlich trägt sie die Argumente vor, die niemand hören will. Der Amtsdirektor schaut aus dem Fenster, die Bürgermeister aus Orten wie Byhleguhre und Caminchenblicken zum Vorsitzenden in der Runde, und der stöhnt: "Seit drei Sitzungen machen wir nichts Anderes." Frau Groger nervt.

Groger nervt seit drei Jahren, als sie von Cottbus wieder nach Briesensee zog und an das Bürgermeisteramt noch gar nicht dachte. Dort ist sie aufgewachsen, dort fühlt sie sich zu Hause. Rebellisch wurde sie, als das Thema Kanalisation auch ihr Dorf erreichte. "Die ganze Vorgehensweise hat mich sehr skeptisch gemacht." Sie gründete gegen die "Zwangskanalisation" eine Bürgerinitiative, die meisten im Ort machten mit und wählten 1998 die Englisch-Lehrerin Doris Groger, parteilos, zur Bürgermeisterin. Doch da war der Anschlussvertrag mit dem Amt längst unterschrieben und die oft fünfstelligen Anschlusskosten für die Häuser bekannt. "Aus dem Vertrag kann niemand aussteigen", sagt Amtsdirektor Elmar Spicker. Das hat Briesensee mehrmals gefordert und auch angeboten, den Schaden auszugleichen. "Wir haben das Geld", sagt Groger, die Spicker vorwirft, mit dem privaten Betreiber der Kläranlage zu kungeln. "Der Person ist nicht zu helfen", sagt Spicker.

Die Frau mit den kurz geschnitten Haaren steht für den Kampf gegen die verfehlte Abwasserpolitik in Brandenburg. Die Abwasserverbände besitzen nicht nur unzählige überdimensionierte Kläranlagen, sondern auch fast 2,6 Milliarden Mark Schulden. 475 Gemeinden sind an solche Anlagen schon angeschlossen. "Briesensee soll nicht dazugehören", sagt Groger. Der Abwasserstreit ist ihr Lebensmittelpunkt geworden.

Im Juli vorigen Jahres tritt sie mit anderen Brandenburgern in den Hungerstreik, nach drei Tagen muss sie wieder in die Schule. "Das Umweltministerium zeigte Verständnis für unsere Probleme, doch verwies auf die kommunale Selbstverwaltung", sagt Groger. Im Oktober marschiert sie mit einer Gruppe zum Bundestag nach Berlin. Sie kann einige Bittbriefe an Politiker abgeben, mehr nicht. Dafür schreibt die DVU einen Brief und sichert Solidarität zu. Im Frühjahr beteiligt sie sich an einer Fahrrad-Protestfahrt nach Brüssel zur EU. Für die Tour hat ihr die Schulrätin unbezahlten Urlaub bewilligt. In Brüssel erhält der Protest ein Aktenzeichen.

Groger streitet für Alternativlösungen wie kleine Nutzwasseranlagen vor Ort, bei denen Schmutzwasser vorn rein- und Trinkwasser hinten rausfließt. Die seien nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern unterm Strich auch billiger. Das hat der Gemeinde nicht nur ein Dresdener Professor in einem Gutachten bestätigt, sie spürt es jeden Tag. In ihrem Garten arbeitet seit zwei Jahren eine Pflanzenkläranlage. Ans Aufhören hat sie noch nie gedacht. "Ich kann es nicht, ohne mich aufzugeben", sagt Groger. "Auch wenn die Familie zu kurz kommt." Am Donnerstag setzt sie sich demonstrativ auf einen Sandhaufen vor dem Bagger, der die Straße im Ort für die Kanalisation aufreißt. Der Anzeige der Bauleute, die 90 Minuten nicht arbeiten können, sieht sie gelassen entgegen. Manchmal sagen ihr die Kinder in der Schule nach solchen Aktionen, sie hätten Frau Groger im Fernsehen gesehen. Die Schüler macht das stolz.

Bei der nächsten Bürgermeister-Sitzung will sie wieder am Tisch Platz nehmen. Der Gallierin droht sonst die Amtsenthebung.

"Ich kann nicht aufhören, ohne mich aufzugeben. " Doris Groger,Bürgermeisterin  kann kämpfen.