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Ruinen schaffen ohne Waffen - Ein ungekürztes Interview


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Ungekürztes Interview des Vorstandsvorsitzenden
der Deutschen Denkmalsstiftung,Dr. Gottfried Kiesow

Quelle: ZDF-Dokumentarfilm "Ruinen schaffen ohne Waffen"

von Giselher Suhr, 43 Minuten, 1996

"Wir können jetzt nicht mehr die Schuld für den Zustand dieser Schlösser allein der DDR zuweisen. Wir müssen zugeben, daß es jetzt unsere Pflicht ist und daß es unsere Versäumnisse sind, die möglicherweise zum Untergang einer ganzen Kulturgattung, nämlich des klassizistischen oder barocken Herrenhauses im ländlichen Raum führen."

"Wenn Sie um einzelne Objekte kämpfen - was treibt Ihnen dann besonders den Zorn auf die Stirn?"

"Also, der Zorn liegt bei mir vor allen Dingen darin, daß man das Verwertbare, die Ländereien, den Wald - alles, was Geld bringt -, das wird von der Treuhand und ihren Nachfolgeorganisationen und den Oberfinanzdirektionen und all denen, die das verwalten, das wird mit Freude angenommen und verwertet, und um die Schlösser
k ü m m e r t s i c h n i e m a n d."

Kiesow weiter: "Die Schlösser sind entstanden aus dem Grundbesitz an Wald und Land. Die Erträge von Land- und Forstwirtschaft haben die Mittel erbracht, um die Schlösser zu bauen. Sie haben über Jahrhunderte dazu geführt, daß die Schlösser erhalten wurden; und wenn man heute die Ländereien abtrennt und nimmt Ihnen die Grundlage, dann muß die Öffentliche Hand anderweitig versuchen, ihrer Verpflichtung zur Erhaltung dieses Kulturerbes gerecht zu werden. Hier kann sich auch der Bund nicht einfach aus der Pflicht ziehen."

Sprecher (im Film): "Ein politisches Urteil, das in den kommunistischen Nachkriegswirren über die Schlösser gefällt, aber in letzter Konsequenz nie vollstreckt wurde, droht nun späte Wirklichkeit zu werden."

Kiesow: "Man kann an keinem Schloß Geld verdienen Man kann ein bestimmtes Lebensgefühl dorthin für sich verwirklichen; man kann seine eigene Geschichte damit pflegen, aber sicherlich kann man damit kein Geld verdienen. Und die alten Familien, die ja leider ihre Ländereien nicht zurück bekommen, was ich persönlich für eine Ungerechtigkeit halte, die haben aber dennoch soviel Engagement für ihr altes Eigentum, daß man das nutzen sollte. Denn ohne das geht es nicht. Ohne diese Bindung, die mehr im Immateriellen liegt, ist Denkmalschutz wertlos. Und wir können nicht aus jedem Herrenhaus und aus jedem Gutshaus und jedem Schloß ein Hotel machen. Das geht gar nicht, soviel Hotels brauchen wir nicht. Aber wer darin leben will, den sollte man unterstützen."

Sprecher (im Film): Klar ist aber auch, daß die Adelsfamilien allein, die mit Schloßsanierungen Trauerarbeit leisten, die drohende Versteppung einer gewachsenen ländlichen Kulturlandschaft nicht aufhalten können."

Gottfried Kiesow abschließend: "Was wir brauchten ist unbedingt ein Träger, ein gemeinnütziger Träger, ein uneigennütziger Träger, der als Treuhänder diese ganzen Schlösser unter dem Aspekt der Erhaltung übernimmt. Und da ist das große Vorbild der ,National Trust´ in Großbritannien, wo durch das britische Erbfolgerecht ja auch Schlösser plötzlich eigentumslos sind, und da hat der ,National Trust´ ja Großartiges geleistet Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz wäre zu einer solchen Aufgabe bereit, Der Bund müßte im Rahmen der Überlegung ,Was wird aus Restvermögen?´ klären, ob er nicht ein Restvermögen der Stiftung übergeben kann, die dann mit einem solchen Kapital in der Lage wäre, treuhänderisch die Schlöser erst mal über die nächsten 20 Jahre zu retten und nach vernünftigen Nutzungen zu suchen. Denn wenn der Wohlstand in den östlichen Ländern stärker wird, und das ist ja unser aller Hoffnung und die Aufgabe der Politik - dann wird auch mit zunehmendem Wohlstand das Bedürfnis nach Kultur und damit nach den Schlössern wachsen."

Abschlußkommentar des Filmsprechers, währenddessen ein verfallendes Schloß - außen und innen - gezeigt wird:

"Ein Abschiedsbesuch - es sind Hunderte, wahrscheinlich Tausende Schlösser und Adelssitze, die, wie Schloß Dagebiel, in wenigen Jahren keiner mehr nennt. Häuser, die Geschichte verkörpern die Geschichte erzählen könnten. Sie haben viel Freunde aber zu wenig Verbündete.
R u i n e n schaffen ohne Waffen - das wird am Ende keiner gewollt haben."

f.d.R.: Günter Kleindienst, Journalist, Lehrte