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Schwarzbuch

Name
Peter Fischer

Beruf
Redakteur, (Zeitgeschichte / Politik, sowie Fernseh-, Theater- und Literaturkritik), Autor.

Selbstdarstellung

Er kam nach politischer Haft in der DDR und Freikauf durch die Bundesregierung 1975 zunächst in den westlichen Teil Berlins und lebt heute bei Bremen. Der Rezensent Peter Fischer ist Autor des Sachbuches „Kirche und Christen in der DDR“ und des unlängst erschienen Romans „Der Schein“, Ludwigsfelder Verlagshaus, der eine Jugend im geteilten Deutschland zum Thema hat.

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Das deutsche Jahr - Innenansichten der Wiedervereinigung 1989/90


Autor:

Claus J. Duisberg

Verlag:

wjs verlag

ISBN:

3-937989-09-9

Seiten:

392

Preis:

24,90 Euro, SFR. 43,70

Inhaltsangabe:

Nie zuvor ist ein Staat in Friedenszeiten so schnell in der Geschichte verschwunden wie die DDR zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Beinahe noch atemberaubender war die Leistung der alten Bundesrepublik, die ehemalige DDR vollständig in die bundesdeutsche Ordnung zu integrieren. Zum 15. Jahrestag der deutschen Einheit legt Claus J. Duisberg eine Innensicht der Ereignisse zwischen 1989 und 1990 vor. Kühl und präzise, aber höchst anschaulich berichtet er vom Gang der spannungsreichen Verhandlungen über die Wiedervereinigung und den Einigungsvertrag. Sein Bericht ist die brillant erzählte Darstellung eines der glücklichsten Jahre in der Geschichte des 20.Jahrhunderts.


Noch immer sind die Bilder der fallenden Schlagbäume an den Grenzübergängen, der jubelnden Massen auf der Mauer am Brandenburger Tor und der sich stauenden Trabis auf dem Kurfürstendamm im kollektiven Gedächtnis der Deutschen. Inzwischen ist die Euphorie verflogen, und es sind vor allem die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen der deutschen Einheit, die den Freudenrausch von damals in Ernüchterung gewandelt und vehemente Kritik an den Entscheidungen der politischen Akteure hervorgerufen haben. Aber gab es angesichts der Dramatik des innen- und außenpolitischen Umbruchs wirklich ernst zu nehmende Alternativen? Wäre es möglich gewesen, das Tempo der Wiedervereinigung zu drosseln, um die beiden Teile Deutschlands behutsamer zusammenwachsen zu lassen?

In seinem Bericht über das Wendejahr von 1989/1990 erzählt Claus J. Duisberg, der als Leiter des »Arbeitsstabes Deutschlandpolitik« im Bundeskanzleramt maßgeblich an den innerdeutschen Verhandlungen beteiligt war, von der elementaren Dynamik der Ereignisse, denen sich die politisch Verantwortlichen gegenübersahen. Denn schon bald nach dem Fall der Mauer befanden sich sämtliche Institutionen der DDR in einem derart dramatischen Zerfall, dass alle Planungen, mit denen man die Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken versuchte, nur wenige Wochen Bestand hatten. Weder Bonn noch die alliierten Mächte konnten dem Gang der Dinge Einhalt gebieten, und auch Michail Gorbatschow war schließlich mehr ein Getriebener als ein Treibender. Einem Sturzbach gleich hatte sich die Einheit binnen weniger Monate hergestellt.
Der Bericht von Claus J. Duisberg ist nicht nur eine präzise, detaillierte und brillant erzählte Darstellung eines der glücklichsten Jahre in der Geschichte des 20.Jahrhunderts; er ist zugleich auch ein Lehrstück, dass in Zeiten revolutionärer Umbrüche die Geschichte selbst handelnde Kraft besitzt.

Buchbesprechung:

Rezension (Auftragsarbeit):

45 Jahre nach dem Mauerbau und wenige Tage vor der Wiederkehr des 13. August taucht in den Medien die Meldung auf, dass die Zahl der Opfer an der Berliner Mauer geringer als bisher angenommen sei. Der Tod von 125 Menschen sei zu beklagen. Warum diese Zahl unmittelbar vor jenem denkwürdigen Jubiläum und isoliert von den Opfern der innerdeutschen Grenze mitgeteilt wird, gehört zu den Feinheiten einer dosierten Berichterstattung über die innerdeutschen Verhältnisse. Diese Meldung knüpft aber auf traurig schlüssige Weise an ein Schulbuch der Oberstufe an, das den Mauerbau als "Umbauung Berlins" vornehm umschreibt. Ein Schelm, wer sich über die innerdeutsche Berichterstattung auch im Jahre 2006 noch wundert. Insofern kommt nicht von ungefähr das soeben im wjs- Verlag unter dem Titel "Das deutsche Jahr" erschienene Buch von Claus J. Duisberg gerade rechtzeitig und hochwillkommen in die Öffentlichkeit.

Ist doch der Autor als Sachkenner jenes Metiers ausgewiesen wie selten ein anderer Beamter aus dem Bereich der gesamtdeutscher Politik: Er gehörte in den entscheidenden Monaten des "deutschen Jahres" dem Arbeitstab "Deutschlandpolitik" an, der unmittelbar dem Kanzleramt zugeordnet war. Und er war zudem ab Oktober 1990 Leiter der Dienststelle des Auswärtigen Amtes und später Beauftragter der Bundesregierung für den Aufenthalt und den Abzug der sowjetisch-russischen Truppen.

Duisberg beginnt mit seinen Aufzeichnungen in jenen denkwürdigen Augusttagen von 1989, als für die Wissenden bereits der erste Schimmer einer Morgenröte oder eben auch das bedrohliche Dunkel des Sturzes in einen Abgrund anzeigte, von dem es keine Rückkehr mehr geben würde. Prof. Otto Reinhold, als Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften der DDR mit den höheren Weihen einer verbindlichen Deutungshoheit für seinen Bereich versehen, mahnt in einem Rundfunkbeitrag, dass die DDR nur als "sozialistischer Staat" lebensfähig sei. Dies war zutreffend, sofern man darunter jenes Gebilde von sowjetischen Gnaden verstand, das seit seinen Gründungstagen mit dem unabweisbaren Makel fehlender demokratischer Legitimation dahinvegetierte und das des dauerhaften sowjetischen Militärschutzes bedurfte. Die gerade an sozialwissenschaftlichen Theorien reiche Region Mitteldeutschlands, fast durchgehend protestantisch, mit Sachsen und Teilen Thüringens 1938 mit dem höchsten Lebensstandard Europas ausgestattet, wäre ohne die Besatzungsmacht Sowjetunion niemals in die Niederungen eines solchen Systems von Sozialismus abgestiegen. Das Regime war permanent instabil, ungeliebt und verdankte sein Fortbestehen höchstens noch den anderen Siegermächten, die durch ein schwaches Mitteleuropa eigene Aspirationen leichter erfüllt sahen.

Also woher nahm Reinhold seine These, dass Ende August 1989 die DDR nur eben in dieser sozialistischen Form überlebensfähig sei? Forderte Bonn die Preisgabe? Wohl kaum, dort hatte man sich auf die wieder und wieder schließlich auch von Honecker bejahte Formel eingerichtet, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe. Eine bloße Leerformel. Und kein Ersatz für eine aktive Deutschlandpolitik. Denn welche der von den Siegermächten stets kritisch beäugten deutschen Teilregierungen hätte es je vermocht, Bundeswehr oder NVA eigenständig in einen Krieg zu verwickeln noch etwaige Kriegsbestrebungen der Siegermächte auf deutschem Hoheitsgebiet abzuwehren?

Die Vorgeschichte, die die Existenz der DDR in Frage stellte, beginnt bereits zwei Jahre vordem, als das sowjetische ZK-Mitglied Nikolai Portugalow erstmals öffentlich von der einen deutschen Nation sprach, die derzeit in verschiedenen Teilstaaten lebe. Dies war nach der Stalinnote von 1952 und dem Versprechen freier Wahlen von 1955 eine wahrhaftige Sensation, ein erster deutschlandpolitischer Vorstoß der Sowjetunion nach Jahrzehnten des Schweigens.

In Ost-Berlin wurde dies ernster genommen als in Bonn, und insbesondere Honecker setzte zunächst auf irgendeine Art von Putsch, der zu einem Sturz Gorbatschows und einer Korrektur seines Kurses führe. Aus der Not der Verschuldung hätte dies die DDR baer auch nicht geführt, denn bereits in den späten siebziger Jahren wurde deutlich, dass der Kurs Honeckers, der demonstrativ den Ulbrichtschen verwarf, nur mit der Auflösung der DDR enden würde.

Rettung aus Moskau konnte nicht kommen, denn, nach den vergeblichen und aufwendigen Nachrüstungsversuchen, waren auch dort die Kassen leer und das nationalsowjetische Hemd lag allemal näher als die Röcke des sonst so gepriesenen "proletarischen Internationalismus" und die These Breschnews von der "beschränkten Souveränität sozialistischer Staaten".
Der Rettungsanker der SED lag allein in Bonn, dem Erbfeind, dem ideologischen Widersacher schlechthin, der mit den grundgesetzlichen Geboten des Wiedervereinigungsauftrages zugleich auch zwangsläufig zum Bestatter der unter Honecker separatistisch gewordenen DDR werden musste. Dort druckste man mit diesem Gebot bekanntlich sehr herum. "Spätestens seit 1985", schreibt Duisberg, war das Innerdeutsche Ministerium noch stärker als vordem an das Kanzleramt angebunden und "Schäuble hatte das Ruder in diesem Bereich fest in die Hand genommen". Dem Ministerium verblieb nur noch die "Verbreitung gesamtsdeutscher Rhetorik und die Verteilung von Geld".
Doch auch die oft nur allzu bereitwillig zur Verfügung gestellten Gelder aus Bonn konnten die Misere der DDR nicht mehr abdecken, die Unruhen wuchsen, ermuntert durch Gorbatschows Reformprogramm von Perestroika und Glasnost. Sein Besuch in Westdeutschland und sein Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker waren in der DDR wohl verstanden worden. Hinzu kam die ständig wachsende Ausreisewelle jüngerer DDR- Bewohner, die zudem anzeigte, dass auch ihre so rigide geführte ideologische Beeinflussung wenig Frucht erbrachte. Dass äußerlich sichtbarste Zeichen des Niedergangs stieg auf, als im Sommer 1989 unversehens die westdeutschen Botschaften zu Rettungsinseln wurden, von denen sich die verzweifelten DDR- Bewohner weder durch Drohungen noch durch Versprechungen mehr vertreiben lassen wollten: "Das deutsche Jahr" startete gewissermaßen mitten im Auftakt zu den 40. DDR-Gründungsfeierlichkeiten mit dem fatalen Fiasko, dass abertausende Menschen die DDR um fast jeden Preis verlassen wollten.

Die äußeren Bilder aus jenen Auftakttagen zur Vereinigung bleiben in ihrer Intensität und einzigartigen Ursprünglichkeit für alle Zeiten fest eingeprägt: Flüchtlinge in Prag, die über die mannshohen Gitterzäune der westdeutschen Botschaft klettern, an ihren Rockschößen die nur noch halbherzig ziehenden tschechischen Polizisten, die überfüllten Züge, die donnernd und unter Beifall auf westdeutschen Bahnhöfen einrollen, die Zeltstädte, die Solidarität der Ungarn, die schwarz-rot-goldene Flagge auf dem Rathaus von Wien... Die gleichsam inneren Bilder, die jene ungeheuerlichen Vorgänge erst ermöglichten, ihr den Rahmen gaben, zeichnet nun Claus J. Duisberg aus der Sicht eines wissenden Lenkers in ihrer komplexen Verflechtung von juristischen, finanziellen, völkerrechtlichen und verwaltungstechnischen Bereichen nach. Da sind die spröden SED- Funktionäre, die noch darauf hoffen, ihr marodes Gebilde auf irgendeine Weise doch noch retten zu können. Doch bald folgt wie im Schillerschen "Tell" der machtvolle Ruf, der leicht abgewandelte Rütli- Schwur der Eingeschlossenen, der alle anderen Einwände hinwegfegt, nachordnet, dass die in Jahrzehnten mit viel psychologischer Feinarbeit geschürte Vorurteile nahezu augenblicklich außer Wirkung setzt: "Wir sind ein Volk!"

Damit bleiben endgültig die jeweiligen innerdeutschen Verhandlungskompromisse, die immer noch auf eine Stabilisierung der DDR hin angelegt sind, hinter dieser Markierung zurück. Die rasch talwärts rauschende Lawine aktueller Ereignisse ist nicht mehr zu bremsen. Am Ende steht drohend eine ungeahnt große Fluchtwelle, die auch das innere System der Bundesrepublik finanziell ruinieren könnte. "Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr", ist schließlich der Schlüssel, der das Tor aufmacht. Als die Mauer geöffnet wurde, machen die eher deutschfeindlichen Sowjetpolitiker Kwizinskij und Falin nochmals mobil, bemühen die inhaltsleer gewordenen Formeln von der "Anerkennung der Realitäten", während Gorbatschows Berater Bogomolow und Daschitschew die Spindel der Zustimmung zur Einheit um eine weitere Windung drehen.

Umgekehrt war, wie Duisberg ausführt, auch die Haltung der Westmächte "deutlich differenziert". Für die USA stand an der Spitze aller Einwände die Sicherheitsfrage, die insbesondere darauf aus war, dass die Vereinigung "nicht zur Neutralisierung Deutschlands führen dürfte". Damit war ihre Präsenz in Mitteleuropa und auf dem Kontinent überhaupt garantiert, die Nato-Mitgliedschaft der alten Bundesrepublik wurde nicht in Frage gestellt. "Erkennbar reservierter", urteilt Duisberg, war die "französische Position, die das Streben nach Wiedervereinigung zwar als legitim und als in der Logik der Geschichte liegend bezeichnete", die aber geradezu verzweifelte Schritte unternahm, wie etwa Mitterrands Blitzreise nach Kiew, um Gorbatschow noch zu einer Umkehr zu bewegen. Darin nicht unähnlich der britischen Premierministerin Thatcher, die versuchte, die Energie allein auf eine Reform der DDR zu lenken.

Verwundert registriert Duisberg, "wie stark tradierte Ansätze und Denkweisen das Urteil und jedenfalls die die erste Reaktion der Führungsschicht eines Landes bestimmen. Vor allem in der französischen classe politique erwachten wieder alte Ängste vor einer deutschen Hegemonie, und auch jenseits des Kanals wurden derartige Befürchtungen laut". Die "Times" orakelte gar von einem "Vierten Reich".

Doch die Bestandsaufnahme heutzutage zeigt an, dass all diese Befürchtungen ohne reale Grundlage waren. Die Bundesrepublik ist heute bedrohlich verschuldet und die Grundkrankheit der so schmählich untergegangenen DDR, die entvölkernde Flucht, dauert weiterhin an. Es ist unerlässlich wieder und wieder jene Tage des "deutschen Jahres" im Blick zu behalten, um aus dem immer noch nachwirkenden Jubel jenes Unter- und Übergangs Kraft für die immensen Probleme der deutschen Zukunft zu finden. Duisberg zeichnet mit seinen umfassenden Notizen nochmals in überaus schlüssiger Form jene Ereignisse nach, gewährt kaum bisher je bekannt gewordene Inneneinsichten in die Denkstruktur beteiligter Politiker und ist ein schönes Exempel dafür, wie man bereits Geschichte gewordene Zeitereignisse in überaus flüssig lesbarer Form vermitteln kann. Man wünscht sich, dass Claus J. Duisbergs Buch in den Oberstufen unserer Gymnasien und unter der studentischen Jugend weiteste Verbreitung findet, damit sowohl das überreich verströmte Hoffnungslicht als auch die schweren Schatten jener Tage unvergessen bleiben. Man darf schließlich darauf hoffen, dass aus dem überreichen Erfahrungsschatz des damals Agierenden bald auch ein kritischer Begleittext über die noch immer ungelösten Problemkomplexe nachgeschoben wird.

Der Rezensent K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"