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Schwarzbuch

Landwirtschaft in Brandenburg und die Chance der Marktnähe


Die wirtschaftliche Situation der brandenburgischen Landwirtschaft ist bis heute äußerst unbefriedigend. Sie ist es im Vergleich mit den übrigen ostdeutschen Ländern, und sie ist es erst recht im Vergleich mit der mittelständisch strukturierten westdeutschen Landwirtschaft. Die im Durchschnitt rund 1.100 Hektar großen Juristischen Personen hätten ohne Subventionen sogar in dem außergewöhnlich günstigen Wirtschaftsjahr 2007/08 einen Betriebsverlust von über 237.000 Euro und im Wirtschaftsjahr 2008/09 einen solchen von fast 323.000 Euro ausweisen müssen, wie die vom Bundesland-wirtschaftsministerium veröffentlichten Buchführungsergebnisse der Testbetriebe belegen. Die Durchschnittsergebnisse der Haupterwerbsbetriebe, die durchschnittlich rund

195 Hektar bewirtschaften, fallen zwar positiver aus, bewegen sich danach aber mehrheitlich immer noch in der Verlustzone. Entsprechend niedrig fallen die Betriebseinkommen je Arbeitskraft nach Abzug der Subventionen mit im Durchschnitt rund 4.600 bei den Haupterwerbsbetrieben und mit 6.300 Euro bei den Juristischen Personen aus. Ein deutlicher, wenn auch mittelfristig notwendiger Subventionsabbau würde folglich die Mehrheit der landwirtschaftlichen Betriebe in Brandenburg, wird an der gegenwärtigen Betriebsstruktur festgehalten, in erhebliche Schwierigkeiten stürzen. Die Größe der Betriebe und der mit 1,6 bzw. 1,7 Arbeitskräften je 100 Hektar ausgesprochen niedrige Arbeitskräftebesatz – er ist in westdeutschen Familienbetrieben fast dreimal so hoch – sorgen für eine Produktionsstruktur, die mehrheitlich auf den leicht mechanisierungsfähigen Getreide- und Ölfruchtanbau ausgerichtet ist, beides Kulturen, die unter den vorherrschenden Bodenverhältnissen nur unzureichende Erträge abwerfen und ohnehin unter den deutschen Standortbedingungen keine kostendeckende Wertschöpfung ermöglichen.

Soll das Ziel einer interessengeleiteten Agrarpolitik eine wirklich profitable Landwirtschaft sein, die sich Schritt für Schritt aus ihrer bisherigen Subventionsabhängigkeit befreit, dann muss diese Landwirtschaft vor allem ihre Umsatzerlöse pro Hektar ganz erheblich steigern. Sie muss also vorrangig solche Produkte erzeugen, die anders als Getreide oder Ölfrüchte direkt marktfähig sind. Das sind nicht nur Gemüse, Obst, frische Kräuter und eine Fülle anderer Sonderkulturen, sondern auch eine starke Ausweitung einer auf die Erzeugung von Spitzenqualitäten ausgelegten Veredlungswirtschaft. Das heißt, die Landwirtschaft in Brandenburg muss alles daransetzen, die Chancen zu nutzen, die ihr die unmittelbare Nähe zu Berlin und damit eines der lukrativsten Märkte in Deutschland bietet.

Für die Landwirte selbst heißt das, dass sie wesentlich arbeitsintensiver als bisher wirtschaften, und dass sie mit einem möglichst breiten Produktspektrum möglichst flexibel auf Marktveränderungen reagieren. Für den Agrarpolitiker heißt das, statt seine Kraft für das Feilschen um den letzten Euro Subventionen zu vergeuden, dafür zu sorgen, dass die Landwirte von einer ebenso intensiven wie sachgerechten Beratung unterstützt werden, und dass ihnen eine durchsetzungsfähige Vertriebs- und Verarbeitungsorganisation zur Seite steht. Angesichts der hier aufgezeigten Anforderungen wird sich dann sehr schnell herausstellen, dass die gegenwärtige Betriebsgrößenstruktur, deren zwanghafte Erhaltung unabhängig von den dafür erforderlichen Subventionen zu enormen Arbeitsplatzverlusten geführt hat, von ganz allein erledigen wird. Ganz sicher wird nämlich eine wirklich profitable, weil marktorientierte brandenburgische Landwirtschaft eine mit erheblich mehr Arbeitskräften wirtschaftende mittelständische Landwirtschaft sein.

von Klaus Kemper

Klaus Kemper war nach dem Studium der Landwirtschaft in Halle an der Saale, Bonn und Gießen zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Agrarpolitik der Justus-Liebig-Universität Gießen und danach als Pressereferent der Landwirtschaftskammer Weser-Ems in Oldenburg tätig. Nach Abschluss der Promotion wechselte er schließlich in den Wirtschaftsjournalismus und war von 1976 bis 2000 Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.