WiROZ

ZOV

OEZB

Schwarzbuch

" Nach Gutsherrenart "


|
Man findet diesen Begriff in der Presse immer wieder, wenn es darum geht, Alleinherrschaft eines Politikers oder einer Partei zu umzeichnen. Wer weiß denn eigentlich heute noch, was es hieß, nach "Gutsherrenart" zu regieren? Gutsherren haben zumindest in der Regel versucht, ihren Besitz zu erhalten und in möglichst gutem Zustand ihren Nachkommen zu überlassen. Andere waren studierte Landwirte und haben landwirtschaftliche Mustergüter aufgebaut. Auch wenn dem immer wieder politische Widrigkeiten im Wege standen (Kriege, Inflation usw.). Sicher gab es auch unter den Gutsbesitzern, wie in jeder Schicht der Bevölkerung, negative Ausnahmen. Leider kann man unsere heutigen Politiker für die Folgen ihres Handelns nach Ablauf einer Legislaturperiode nicht mehr materiell verantwortlich machen.

Gab es auf den Dörfern bis 1945 eine Arbeitslosigkeit von 30 bis 50 % (incl. der "versteckten" Arbeitslosen)? Ging es den Gutsarbeitern, die in der Regel mit Deputaten (Lebensmittel, Vieh, Ackerflächen, Futter, Brennstoffen) versorgt wurden, wirklich so schlecht (warum haben viele von ihnen nur unter Zwang nach 1945 "Siedlerstellen" angenommen?). Ging es vielen von ihnen nicht besser als der Arbeiterschaft in der Industrie, die in Geld bezahlt wurde, das von einem Tag auf den anderen wertlos sein konnte? Und warum mussten den Kommunisten mit Gewalt Anhänger auf dem Lande verschafft werden (in Gestalt der Neusiedler, viele davon Flüchtlinge aus dem deutschen Osten)?

Geschichte am Rande, damals den SED-Genossen sehr peinlich. Im thüringischen Bad Langensalza gründete Ernst Großmann 1952 (am 30. Juni 1953 war Ulbrichts 60. Geburtstag) die "erste" LPG der DDR. Dorthin wurden finanzielle Mittel ohne Ende gepumpt, es war der reinste Chaoten-Verein. Die selbstständigen Bauern aus der Umgebung lachten nur (habe darüber einiges gelesen und auch publiziert). Großmann als Günstling Ulbrichts saß sogar im SED-Zentralkomitee. Plötzlich flog er dort Ende der 1950er Jahre heraus, durfte aber seinen Posten als LPG-Vorsitzender behalten. Er hatte seine Vergangenheit "verschiegen" (Mitglied der sudetendeutschen Henlein-Partei, Angehöriger der Wachmannschaft im KZ Sachsenhausen).

Es darf niemals der Zusammenhang zwischen "Bodenreform" (Schaffung nicht überlebensfähiger kleinster Bauernstellen) und der später begonnenen und vollendeten Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in der DDR außer Acht gelassen werden. Dass die Kommunisten nach 1945 und 1960 dabei ganz bewusst Versorgungskrisen in Kauf genommen hatten, sei nur am Rande erwähnt.

Hierzu:

Anmerkungen von Manfred Graf v. Schwerin, ARE:

"Nach Gutsherrenart: Aus der erfolgreichen Werbung für die leckeren UNOX-Suppen aus den 60 er Jahren meinten irgendwelche Scheuklappen-Ideologen einen Klischee-Begriff gegen die "Junker" ableiten zu müssen. Das Klischee wird inzwischen zeitgeistgemäß häufig dann angewendet, wenn irgendein politischer oder persönlicher Gegner oder Feind etwas macht oder sagt, was der Klischee-Benutzer als „selbstherrlich“ ansieht und/ oder ihm oder ihr nicht passend erscheint, mit ihm nicht abgestimmt ist öder ähnliches.
Unabhängig einmal von der ideogischen Mottenkiste und Feinbild-Erhaltung : „ Alles Rücksichtslose kommt von den Gutsherren“ - ähnlich wie früher „ Die Juden sind an allem schuld...“-:

Es geht in Wahrheit um das Verantwortungsgefühl für die dem Gutsherrn einst Anvertrauten in einer zwar vergangenen Wirklichkeit, zum Teil mit Elementen einer patriarchalischen Ordnung.

Es geht auch um Verbundenheit und menschliche wie wertkonservative Grundsätze, die als unzeitgemäß oder der Gleichschaltung im Wege stehend gebrandmarkt werden sollen.

Warum wohl durfte die so berühmte Fontane- Ballade über „ den von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ in den DDR-SED-Schulbüchern nicht vorkommen? Der seine Dorfbewohner liebende , der mit der „segnenden Hand“ - , igitt , wie unpassend diese „Gutsherrenart“...

Herr Gruhle hat recht:Mit dem Gefasel über „Gutsherrenart“ bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit soll ein Klischee weiter befördert werden, daß eigentlich seit dem elenden Ende des real vegetierenden Sozialismus in den Müll gehört – oder eben artgerecht als Werbebegriff für gute Suppen oder sonstige erlesene Erzeugnisse weiterverwendet werden sollte.

Übrigens:Man könnte ja mal eine Zusammenfassung über verballhornte Begriffe machen, die belegen, wie mit falsch verwendeten Klischee-Begriffen „Politik“ gemacht und Interessen bestimmter Leute vertreten und Vorurteile erhalten werden sollen: „nach Gutsherrenart“, „demokratische Boden- und Industriereform“,„ Privatisierung ehemals volkseigener Flächen und Betriebe“;es gibt noch mehr...

Manfred Graf v. Schwerin