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A u t o r e n b e i t r a g
Verhinderte Rückkehr der Eliten Resümeé einer systematischen Vertreibung
Von Freya Klier, Herbst 2004
Wir stehen vor dem 15.Jahrestag des Mauerfalls - ein Ereignis,
das eigentlich Vorfreude auf die Gesichter zaubern müßte, gerade
im Osten.
Doch nichts davon ist zu spüren: Ökonomische Sorgen, mitunter
eine diffuse Angst vor dem, was kommt, verdrängen die
Erinnerungen an die Zeit des mutigen Aufbruchs - eine Zeit, die
bereits tief im letzten Jahrhundert versunken zu sein scheint.
Die deutsche Einheit wollten viele schon gar nicht mehr feiern.
Und westlich der Elbe spiegelt sich noch immer Entsetzen auf
den Gesichtern ob des hohen Stimmenzuwachses für PDS und
Rechtsradikale bei den Landtagswahlen in Sachsen und
Brandenburg.
Doch haben wir nicht auch Grund, stolz auf die Leistung der
vergangenen 15 Jahre zu sein? Welches Land der Welt hätte es
geschafft, einen bankrotten Staat samt seiner Bevölkerung zu
integrieren, ohne dabei selbst in die Knie zu gehen? Der Wechsel
von einer Diktatur in die Demokratie ist weitgehend gelungen.
Und haben die meisten Ostdeutschen ihr Schleudertrauma der
Nach-Wendezeit nicht doch ganz gut in den Griff gekriegt?
Um 4 Jahre im Durchschnitt ist die Lebenserwartung der
Ostdeutschen gestiegen, seit die DDR hinweg gefegt wurde - gibt
es ein besseres Argument gegen die Verklärung der DDR?
Doch warum ist der Osten nach der Wende nicht wirklich aus
den Startlöchern gekommen?
Ich möchte im Folgenden einen Vorgang unter die Lupe nehmen,
der für mich zu den Hauptursachen der heutigen
Wirtschaftsmisere im Osten gehört - die massenhafte Vertreibung
geistiger Eliten. Nur, wenn wir seine Dimension erfassen, können
wir Maßnahmen ergreifen, um seine Langzeitfolgen zu mildern.
Jedem von uns fallen spontan Leute ein, die unter Schmerzen die
DDR verlassen haben - Rudi Dutschke oder Ignaz Bubis, Hans-
Dietrich Genscher oder Armin Müller-Stahl...
Sie sind der winzige Ausschnitt eines Millionen-Heeres, das ich
die Dritten Deutschen nenne - Menschen, die ursprünglich in
Ostdeutschland zuhause waren und die dann irgendwann in die
Bundesrepublik flüchteten - unter politischem Druck, im Laufe
von vierzig Jahren.
Viele waren es, zu viele. Ich könnte Reiner Kunze nennen oder
Alexander Kluge, das "Ekel Alfred", Sarah Kirsch, Klaus Staeck,
Tausende von Professoren, Wissenschaftlern, Lehrern... selbst
unter den Nobelpreisträgern Amerikas findet sich ein ehemaliger
DDR-Bürger.
Schöpferisch und engagiert haben sie sich nach ihrer Emigration
in ihre neue Heimat eingebracht, haben diese nach Kräften
öffentlichkeitswirksam mitgeprägt. Im Osten dagegen fehlten bald
ihre Begabungen. Im Osten wurden sie totgeschwiegen, samt
ihrer Herkunft.
Wäre ihre Rückkehr für die Entwicklung der östlichen
Bundesländer nach dem Mauerfall von Bedeutung gewesen?
Ich meine Ja. Im Bund mit den Klugen und Kreativen, die im
Osten geblieben sind und jenen Westlern, die nicht Geldgier
sondern Pioniergeist in den Osten trieb, hätte nach dem Mauerfall
ein geistiges und moralisches Potential zur Verfügung gestanden,
mit dem der Aufschwung Ost ganz anders in die Startlöcher
gekommen wäre als geschehen.
Es geht hier nicht um zwanzig, dreißig Namen. Es geht - rechnet
man den Verlust von Eliten im 3.Reich hinzu - um den Aderlaß
eines halben Jahrhunderts.
1. Der Kahlschlag der 50-er Jahre
Bevor die SED im August 1961 die Bürger der DDR in Geiselhaft
nimmt, hat sie etwa 3 Millionen Menschen in die Flucht
geschlagen. Darunter eine immense Zahl von Wissenschaftlern. Die 50-er Jahre werden zum Spiegel einer Massenflucht von Intellektuellen: Allein in den drei Jahren vor dem Mauerbau setzen sich fast 1700 von ihnen in den Westen ab, darunter 126 Universitätsprofessoren, 135 Dozenten und 234 Lehrbeauftragte.
Die stärksten Verluste, hier vor allem im medizinischen Bereich,
hat die Ostberliner Humboldtuniversität zu verkraften, die 291
ihrer Wissenschaftler einbüßt. Von der Leipziger Universität
verschwinden zwischen 1958 und 1961 noch 206, aus Halle und
Jena 260, Rostock und Greifswald verlieren 163 Lehrkräfte und
Assistenten, die TU Dresden 93...
Das, wie gesagt, ist ein dreijähriger Ausschnitt aus der Ballade
"Flucht und Vertreibung aus der DDR" - ihm sind bereits zwölf
Jahre Verhaftung und Massenflucht vorausgegangen.
Bekanntermaßen ist das erste DDR-Jahrzehnt das der rigidesten
Unterdrückung von allem, was nach geistiger Unabhängigkeit
riecht, nach Religiosität und Bürgerlichkeit. Die Kirche gilt der
SED als beinharter Klassenfeind, das Bürgerliche als Rudiment
des absterbenden Kapitalismus, das von der Arbeiterklasse zu
überwinden ist - wenn nötig, mit Gewalt. Geistige Unabhängigkeit
wird ausgemerzt, von Jahr zu Jahr drastischer.
Der ideologische Hammer saust vor allem dort nieder, wo der
akademische Nachwuchs heranzubilden ist - an den Hochschulen
und Universitäten. Mit Terror und Gesinnungsdruck wird den
Lehrkräften das Arbeiten mitunter zur Hölle gemacht.
Auch wenn sich Merkel nur schwer einem bestimmten Flügel der CDU zuordnen lässt, kann eine eindeutig konservative und oft reaktionäre politische Haltung nachgewiesen werden. Als in ihrer Regierungszeit eine Neufassung des umstrittenen Abtreibungsparagraphen 218 zur Debatte steht, stimmt sie zusammen mit fanatischen Abtreibungsgegnern aus der CSU gegen eine Fristenlösung. Sie fordert bis heute auch die Wiedereinführung von Kopfnoten für Fleiß und Betragen und das Pflichtfach "Völkerkunde" an den Schulen.
Als Bundesumweltministerin macht sie sich bei den Grünen und den Umweltverbänden schnell einen Namen als "Erfüllungsgehilfin der Atomindustrie". (Den Titel kann sie sich jetzt allerdings mit dem grünen Umweltminister Jürgen Trittin teilen.) Merkel setzt mit brutaler Gewalt Atomtransporte durch. Bei den sogenannten Castor-Transporten kommt es zu radioaktiven Unfällen, weshalb SPD und Grüne vergebens ihren Rücktritt fordern. Auch das Aussitzen von Problemen und politischen Skandalen hat sie von Kohl gelernt.
Die ausländerfeindlichen CDU-Kampagnen von Roland Koch in Hessen und Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen unterstützt sie ausdrücklich. Das aus den von Helmut Kohl versprochenen "blühenden Landschaften" in Ostdeutschland eine industrielle Wüste entstanden ist, verbunden mit Massenarbeitslosigkeit und sozialem Elend, hat die junge ostdeutsche Politikerin nie sonderlich gestört. Ganz im Stile ihres Mentors Helmut Kohl schiebt sie jede Folge ihrer eigenen Politik weit von sich.
So kann man unmittelbar nach 1945 noch in beiden Teilen
Deutschlands aus Professorenfedern die gleichen Reminiszenen
an das "klassische Bildungsideal" lesen, macht sich in reflexiven
Reden, Artikeln und Traktaten ein Diskurs breit, bei dem es vor
allem um das Versagen der deutschen Universitäten im
Nationalsozialismus geht.
Schon nach kurzer Zeit aber driften die Universitäten
auseinander: Während die westdeutschen Gelehrten ihre
Idenditätsdebatte autonom, öffentlich und kontrovers betreiben,
müssen sich ihre ostdeutschen Kollegen zunehmend zu den
ideologischen Monopolansprüchen der herrschenden SED in
Beziehung setzen. Schon Ende der 40-er Jahre kann hier von
unreglementierter Öffentlichkeit keine Rede mehr sein.
Skrupellos besetzt die SED das humanistische Bildungsideal,
reklamiert sie die Erziehung des gesamten akademischen
Nachwuchses für sich - große Teile der Professorenschaft
reagieren mit dem Rückzug in eine apolitische Expertenrolle.
Besonders scharf geraten die Vertreter der Geisteswissenschaften
unter Druck. Und wer sich der Verkehrung von Realität und
Propaganda nach dem NS-Terror nicht ein zweites Mal beugen
will, wird zwangsemeritiert, entlassen, in den Westen abgedrängt.
Der intellektuelle Kahlschlag an den Hochschulen des Ostens
hat begonnen. Zwischen 1948 und 1952 - dem Jahr, in dem
offiziell der Sozialismus verkündet wird - räumt die SED-Führung
brutal auf. Professoren wechseln nach ihrem Rausschmiß an
bundesdeutsche Universitäten, und jeder Weggang hinterläßt
eine klaffende Lücke.
Die DDR verliert die ersten Glanzlichter ihres humanistischen
Lehrpotentials, und viele noch werden ihnen folgen. Die plötzlich
vakanten Lehrstühle aber besetzt die Partei nun zielgerichtet mit
Kadern, die nur noch selten an das Format ihrer Vorgänger
heranreichen, die dafür jedoch durch politische Zuverlässigkeit
glänzen. Duckmäuser- und Denunziantentum machen sich breit.
Der Typus des Aufsteigers in Diktaturen ist stets der gleiche – es
ist der Typus des Radfahrers, des Speichelleckers, des
Leisetreters, oft genug des doppelgesichtigen Denunzianten, der
nicht Freunde und Verwandte von seinem Verrat verschont.
Dieser Typus breitet sich nun über Justizgebäude und Schulen,
über Universitäten, Amtsstuben, Klinikflure... und lastet auf
Ostdeutschland bis zum heutigen Tag.
Selbst im eigentlichen Zentralkomitee der DDR, dem sowjetischen
KGB, mag dieser Typus nicht sonderlich beliebt gewesen sein...
doch garantierte gerade er die nötige Stabilität an der Front zum
westlichen Imperium. Das Interesse der Sowjets an Intelligenz
und Wahrhaftigkeit in ihrem Marionettenstaat DDR endete genau
dort, wo sie Macht und Einfluß gefährdet sahen - weshalb eben
Genossen wie Honecker und Mielke Karriere machten, wie Axen,
Gysi oder Hager... NS-Widerstandskämpfer wie Robert Bialek
aber, Heinz Brandt oder Robert Havemann inhaftiert, in die
innere und äußere Emigration getrieben und notfalls, wie Robert
Bialek, auch "umgelegt" wurden.
Die Spreu trennt sich vom Weizen im Laufe weniger Jahre.
Und etliche derer, die später selbst zu den Inhaftierten und
Flüchtlingen zählen werden, lassen sich von den Sowjets
zunächst vor deren Karren spannen.
Die SED vertreibt nicht nur die demokratischen Geister im
Lehrkörper, sie vertreibt auch deren Studenten. Dabei räumt sie
fast komplett jene Generation ab, die ich in der nachbarlichen
Tschechoslowakei immer die Vaclav-Havel –Generation nannte. In
Ostdeutschland ist die heute kaum noch auffindbar.
Diese Generation bringt ihren kritischen Geist im Westen ein.
Noch werden viele von ihnen dort mit offenen Armen empfangen,
selbst im sogenannten ´linken´Milieu, das während der 60-er
Jahre noch nicht von der geistigen Enge späterer K-Gruppen
dominiert wird, sondern von der Glaubwürdigkeit eines Heinrich
Böll.
2. Die Flucht aus der geschlossenen Anstalt
Wir schreiben nun schon die Hoch-Zeit des Kalten Krieges, ein
Sprachbild, dessen Interpretation ich einmal mehr in Frage stelle:
Für mich war der Kalte Krieg in erster Linie einer der
sowjetischen Besatzer und ihrer deutschen Vasallen gegen die
Bevölkerung der DDR; ein Kalter Krieg der Sowjets gegen die in
den Sozialismus gezwängten Völker Osteuropas...
Der Versuch der PDS, begangenes Unrecht mit dem Schutzschild
´Kalter Krieg´ abzublocken, ist daher nicht nur zynisch, er stellt
die tatsächliche Realität auf den Kopf: Nicht die DDR-Bürger
befanden sich im Kalten Krieg - sie sehnten sich im
Gegenteil mehrheitlich danach, von ihren vermeintlichen Gegnern
befreit zu werden.
Nach dem Mauerbau also hält der Drang Richtung Westen an,
doch gelingt die Flucht aus der nunmehr geschlossenen Anstalt
von Jahr zu Jahr seltener. Ausreiseanträge mit langen,
schikanösen Wartezeiten und staatlich geregelter
Menschenhandel halten Einzug und ersetzen das einstige
Schleichen über die ´grüne Grenze´.
Nach einer Dekade vereinzelter Fluchtmanöver - allesamt
Wagnisse unter Lebensgefahr - und verbreiteter Lähmung in der
Bevölkerung forciert sich in den 70-er Jahren ein neues, nun
legales Abschiedspotential; nach westlichen Schätzungen haben
im Jahr 1976 bereits 100 000 DDR-Bürger einen Ausreiseantrag
laufen.
Mit Konsequenz weiter ausgedünnt wird auch die demokratische
Opposition, die „Entsorgung“ von Mut und Glaubwürdigkeit
Richtung Westen hält unvermindert an. Dabei wird der Jenaer
Widerstand nun ebenso ins Heer der zu Verstoßenden eingereiht
wie Biermann, Bahro oder Reiner Kunze...
Doch werden die Methoden des Kaltstellens allmählich subtiler,
konzentrieren sich die Staatsorgane zunehmend auf personen-
zersetzende Gerüchte und die Organisation des beruflichen
Mißerfolgs statt auf hohe Haftstrafen.
Auch diese, ein wenig der Schlußakte von Helsinki angepaßten
Maßnahmen verfehlen keineswegs ihre Wirkung. Neue und bis
zum Finale der DDR nicht mehr abreißende Ausreisewellen
dünnen das Land weiter aus und legen seine Innovationsfähigkeit
zeitweise lahm: 1984...1987... die Massenflucht über Ungarn im
Frühherbst 1989...
Wäre nach dem Mauerfall ein dritter... ein vom Westen
unabhängiger Weg für die DDR überhaupt noch möglich
gewesen?
Im Nachwort meines im Februar 1990 erschienenen Buches „Lüg
Vaterland.Erziehung in der DDR“ schrieb ich:
"Die DDR hat keine Chance auf einen eigenen Weg, ein
Aufbruchsfieber wie 1945 wird es nicht noch einmal geben. Über einen Zeitraum von vierzig Jahren schuf sich die Partei einen
Apparat, den auch keine Wende so leicht aus den Angeln hebt. Die
Köpfe der Oberen sind gefallen, der kolossale Rumpf bleibt. Der
Mitläufer waren es am Ende so viele, daß, würden sie geschaßt,
das Land in sich zusammenfiele wie ein Kartenhaus.
Und wer auch sollte sie ersetzen? Über ihren Bildungsapparat hat
die Partei sortiert, bis endlich auf dem Stellwerk saß, wen sie für
tauglich hielt und Schwellen putzte, wen sie von höherer Bildung
fernzuhalten gedachte. Mit dieser Strategie hat sie das Land um
Talente und Persönlichkeiten gebracht in einem Ausmaß, das
seinesgleichen sucht."
Die Flucht- und Vertreibungswellen aus der DDR führten im Lauf
der Jahrzehnte zu einer gesamtdeutschen Schieflage. Das
Ausbluten von kritischer Intelligenz auf der einen und der enorme
intellektuelle Zuwachs auf der anderen Seite haben Deutschland
in eine gesamtdeutsche Schieflage gebracht, die noch längst nicht
behoben ist.
Extrem ausgedünnt war im Osten am Ende jene Schicht, die ich
die Hefe einer Gesellschaft nenne. Ohne deren
Innovationsfähigkeit, Integrität und Engagement ist der Wechsel
von einer Diktatur in die Demokratie nur schwer zu leisten.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nie hieß DDR für mich "Der
Doofe Rest". Vielen mutigen und glaubwürdigen Menschen bin ich
begegnet - in allen Generationen und in allen Schichten der
Bevölkerung. Viele Begabungen habe ich kennengelernt, die sich
tapfer durch die DDR wurstelten und immer mal wieder kleine,
ermutigende Zeichen setzten. Auch haben wir alle in unserem
geistigen Widerstand jeden noch so leisen dissidentischen
Zungenschlag in einem Sowjetfilm genossen, jede Seite in einem
verbotenen Arthur Koestler –Buch genutzt, um unsere
Gehirnwindungen geschmeidig zu halten...
Dennoch: Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eine
zunehmende geistige Enge eingestehen. Sie betraf besonders
meine Generation, die man mit Macht zum „Neuen Sozialistischen
Menschen“ geschmiedet hatte. Wie die Pech-Marie klebten wir an dem uns antrainierten Sozialismus-Glauben. Nicht wenige
zürnten mit denen, die uns per Ausreiseantrag Richtung Westen
verließen – sie zürnten so sehr mit den vermeintlichen
„Versagern“ und „Verrätern“, daß für unsere Unterdrücker, die ja
für den großen Fluchtdrang verantwortlich waren, kein Zorn
mehr übrig blieb.
Und wie sind wir beispielsweise mit dem 17.Juni 1953
umgegangen – der immerhin ersten Erhebung in Osteuropa gegen
die sowjetischen Besatzer und eine ihrer Marionetten-Regierungen? Für uns, die wir noch in den Windeln lagen, als sich das Volk erhob, roch - nach jahrelanger Gehirnwäsche - der Volksaufstand vor allem nach der Befreiung einer KZ-Aufseherin...
Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Uns fehlte der freie
Meinungsaustausch mit Menschen aus aller Welt, uns fehlte ein
Perspektivwechsel. Wir Eingeschlossenen waren zur
Froschperspektive verdammt, wo wir ab und an dringend der
Vogelperspektive bedurft hätten. Und im Land selbst nahm die
Zahl der Mitbürger immer mehr ab, die einen weiteren Horizont
hatten als man selbst.
Womit ich wieder beim Ausgangspunkt angelangt wäre:
Hätten die In- die-Flucht-Geschlagenen nicht massenhaft zur
Rückkehr gedrängt werden müssen? Ihr in der Welt geweiteter
Horizont wäre doch eine gute Ergänzung zur östlichen
Aufbruchsstimmung gewesen.
Während der 90-er Jahre absolvierte ich zwei Lesereisen an
amerikanischen Universitäten: In jedem zweiten German
Department wurde ich mit den Worten begrüßt: ´Hallo, ich komme
auch aus der DDR!´
Die meisten waren während der 50-er Jahre getürmt, manche
noch als Kinder, an der Hand ihrer Eltern.
Mehr als hundert Schriftsteller hat der Osten im Lauf von vierzig
Jahren verloren und etwa tausendfünfhundert bildende
Künstler... darunter so renommierte Maler wie Gerhard Richter,
Baselitz oder Penck... Und hat schon mal jemand die Pädagogen
im Westen gezählt, die gebürtige DDR-Bürger sind? Was für Aussichten, wäre auch nur die Hälfte von ihnen zurückgekehrt.
3. Verhinderte Rückkehr
1996 konstatiert der Verleger Wolf Jobst Siedler im Osten eine
von Elite entleerte Region; er schlägt massive Rückwanderung
vor, unter anderem von zwei Dutzend märkischen Junkern und
2000 Berliner Juden...
Das klingt polemisch zugespitzt. Doch hätte die durch
Massenabwanderung erzeugte intellektuelle Schieflage in
Deutschland 1990 tatsächlich korrigiert werden müssen, um die
Chancen der Ostdeutschen für die Zukunft zu erhöhen.
Rückwanderungsabsichten hat es nach der Wende reichlich
gegeben. Doch von den wenigen, die am Ende tatsächlich
aufbrachen, haben noch weniger in ihrer alten Heimat neue
Wurzeln geschlagen. Wieso?
Ziemlich rasch wurde klar, daß ihre Wiederkehr keineswegs
erwünscht war. Die Genossen im Osten hatten nicht nur die
Fleischtöpfe unter sich aufgeteilt, sondern auch die Immobilien
der Vertriebenen. Ihre Beziehungsgeflechte, über Jahrzehnte
gewebt, erwiesen sich 1990 bereits als so dicht, daß sie
Eindringlinge geräuschlos abblocken konnten - zumal jene, die
den Laden selbst noch aus eigener Erfahrung kannten und im
Gegensatz zu den meisten "reinen Wessis" selbst unauffällige
Zeichen zu dechiffrieren vermochten.
Die Kalamität verdichtet sich nach 1990 geradezu symbolisch im
Fall von Wolf Biermann. Der Liedermacher und Poet hat über
Jahre versucht, in seine legendäre Wohnung in Ostberlin
zurückzukehren. Biermann scheiterte bekanntlich, weil der
Sprecher der PDS, Herr Harnisch, sich in Biermanns Wohnung
längst breit gemacht hatte und sich höhnisch weigerte, da wieder
rauszuziehen.
Damit sind wir bei den Nutznießern des jahrzehntelangen
Aderlasses: Es sind genau jene, die ihn nach Kräften betrieben
haben - ehemalige SED-Funktionäre, Stasispitzel, juristische
Handlanger, Genossen Lehrer...
Sie halten die Stellen der Verjagten besetzt und gerieren sich nun
als originäre Vertreter der Ost-Seelen. Süffisant verweist die PDS
darauf, Religionsunterricht im Osten sei deplaziert, das Gelände
längst säkularisiert. Zynisch läßt sie den Blick über östliche
Gefilde schweifen, um festzustellen, Sozialdemokraten,
Bürgerrechtler, Grüne oder Liberale dümpelten leider noch immer
am Rand der Marginalität ...
Nur die Genossen selbst sind in Überfülle vorhanden... und
ernten auch 2004 noch die Früchte des Schadens, den sie über
Jahrzehnte angerichtet haben.
Einige der Emigranten allerdings haben sich von dieser Mafia
nicht abschrecken lassen und sind in ihre alte Heimat
zurückgekehrt – so, wie Erich Loest. Der Schriftsteller ist nicht
nur wegen seiner Freunde zurück gekommen, sondern auch
wegen seiner Feinde, denen er das Feld nicht kampflos
überlassen wollte.
Über Leipzigs Grenzen hinaus versucht Loest seitdem, etwas
mehr Niveau in den oft selbstgefälligen Diskurs seiner Mitbürger
zu bringen. Er haut ihnen Wahrheiten um die Ohren, die sie
nicht hören wollen. Er hält ihnen den Spiegel vor und versucht,
ihnen das geschwundene Ansehen ihrer Stadt zu erklären,
besonders nach Leipzigs Olympia-Fiasko. Dazu gehört Mut, denn
Streicheleinheiten bekommt Loest dafür nicht.
Auf mich wirkt der Schriftsteller ein wenig einsam. Also stelle ich
mir vor, nicht einer, sondern Hunderte der vielen tausend allein
aus Leipzig geflohenen, verhafteten und in den Westen verkauften
Bürger – Christen, Sozis, Parteilose - würden Loest heute zur
Seite stehen... ihm und jenen demokratischen Kräften in der
Stadt, die allmählich ebenfalls das Unbehagen packt. Was für
einen fruchtbaren Diskurs könnte die Messestadt erleben – und
ähnliche Chancen sähe ich auch für andere Städte des Ostens!
Statt dessen läuft im Jahr 2004 Herr Lafontaine in der
"Heldenstadt" zur Hochform auf – ein Mann, der weniger mit
rechts oder links zu tun hat als mit Raffgier und persönlicher
Eitelkeit. Erinnern wir uns: Wäre es nach Lafontaine gegangen,
gäbe es noch heute die DDR, samt Wirtschaftsfiasco und
Unterdrückungsapparat. Diesen Mann, flankiert von PDS-
Genossen, im Osten das Pflaster treten zu sehen – 15 Jahre nach
dem Sturz des SED-Regimes - schiefer kann ein Bild wohl nicht
sein!
Hätte es der demagogische Saarländer, so frage ich mich, gewagt, so schamlos in Leipzig zu agieren, wenn sich mehr als nur eine
Handvoll Aufklärer der heutigen Demonstranten angenommen...
und mit ihnen sortiert hätte, welche ihrer Forderungen durchaus
berechtigt sind, welche Parolen dagegen kontraproduktiv?
Das ganze einmal hochgerechnet: Hätten in den ostdeutschen
Bundesländern Tausende von heimgekehrten Talenten, von
Unternehmern, Wissenschaftlern, Ärzten, Künstlern oder Lehrern
den Umkehrschub einleiten und die ausgedünnte Ost-Elite
wieder auffüllen können?
Ich denke Ja ! Mit welchem Innovationsschub hätte der Osten
aufwarten können, dessen Bewohner ja durchaus von Pioniergeist
beseelt waren! Vermutlich würden dann heute auch mehr als ein
paar dünne Einzelstimmen daran erinnern, wer eigentlich die
Wirtschaftsmisere im Osten verursacht hat. Denn das waren ja
nicht die Sozis, die 40 Jahre lang verboten waren in der DDR – es
waren die machthabenden Genossen der SED.
Seit der Wende tobt der Kampf um die Deutungshoheit von DDR-
Geschichte. Und seit eben dieser Zeit beklagen die Sozialisten,
man habe nach der Wende die Eliten der DDR ausgeschaltet.
Ich halte dagegen: Nicht nach der Wende sind die Eliten
ausgeschaltet worden, sondern während einer vierzigjährigen
Diktatur - sie flogen aus Gymnasien und Universitäten, verloren
ihre Berufe, haben die Gefängnisse gefüllt und die Züge Richtung
Westen. Zurückgeblieben, mit einem oft kaum noch vernehmbaren
Stimmchen, ist ein Häuflein Aufrechter, das einst das innere Exil
dem äußeren vorzog. Zurückgeblieben ist ein lautstarkes Heer
von Genossen, das nach dem Verschwinden ihres Unrechtsstaates heute besser noch lebt als zuvor.
Die interne Studie eines ostdeutschen Bundeslandes ergab, daß
sich im Jahre 2004 etwa 42% seiner Lehrer in PDS-Nähe
befänden - eine Zahl, die repräsentativ für den Osten sein dürfte.
Ist es da ein Wunder, daß nicht wenige ostdeutsche Jugendliche
mit DDR-Emblem auf der Brust herumlaufen oder FDJ-Bluse?
Bei Stichproben solcher Vergangenheitsfans stelle ich immer
wieder fest, daß deren Wissen über die DDR gleich Null ist. Was
mich zur Frage verleitet, ob die Demokratie statt ewig gestriger
DDR-Lehrer nicht demokratie-taugliche Pädagogen finanzieren
sollte? Schule hat ja wohl einen Bildungsauftrag, oder nicht?
Keineswegs nur in den Schulen des Ostens – auch in anderen
Bereichen sind über 40 Jahre gerissene Lücken zu schließen. Die
Arme also weit geöffnet für gute Mitstreiter – seien es nun
Heimkehrer oder solche, die nicht den Stallgeruch der DDR
haben, weil sie schlicht und einfach reine Wessis sind. Auch
deren Erfahrungen sind wichtig für Wirtschaft und Demokratie.
Vereint könnten die demokratischen Kräfte im Osten einen
Diskurs beleben, in dem Denkschärfe, Mut und Glaubwürdigkeit
wieder dominieren. Sie könnten beispielsweise daran erinnern,
daß die SED/PDS, wie sich die Geiselnehmer der DDR-
Bevölkerung eine Übergangszeit lang nannten, zwischen Januar
und April 1990 – das war jener Zeitraum, in dem klar wurde, es
werde die deutsche Einheit geben - geradezu flächendeckend
Volksvermögen in die eigenen Taschen geschaufelt haben, durch
massenhafte Gründung von GmbH.
Ob die Wähler, die heute wieder bei der PDS ankreuzen, eine
Sekunde lang darüber nachdenken – sich gar die Zahlen der
gerafften PDS-Milliarden aus dem Bundestag holen, wo sie seit
1998 einsehbar sind? Ich bezweifle das.
Ostdeutschland hat viele Städte, die heute mit schweren
wirtschaftlichen Verwerfungen zu kämpfen haben – und einer massiven Abwanderung junger Leute. Diese Abwanderung der
Nach-Wendezeit aus dem innovationsschwachen Osten stellt für
mich die absolut logische Fortsetzung einer massiven Vertreibung
der Vor-Wendezeit dar.
Mit der fortgesetzten Bewegung Richtung Westen aber setzt sich
die Schieflage in Deutschland fort, belastet der intellektuelle und
moralische Kahlschlag noch immer die gesamtdeutsche
Entwicklung.
4. Ein aufschlußreiches Ranking
Viele Brandenburger und Sachsen haben aus Angst vor dem Morgen das Gestern gewählt. Das ist nicht nur beschämend, es ist – was die Wirtschaftschancen anlangt – zum Kopfschütteln dumm. Denn die einzige Chance, die Wirtschaft im Osten anzukurbeln und damit neue Arbeitsplätze zu schaffen, ist ein
Klima, das Investoren anlockt. Ein Anwachsen rechtsradikaler
Parteien aber schreckt internationale Interessenten ebenso ab wie
der zunehmende Hang, die alten Unterdrücker wiederzuwählen.
Kürzlich wurde in der Wirtschaftswoche eine Studie veröffentlicht,
in der die Wirtschaftsdynamik aller deutschen Bundesländer
aufgelistet wurde. Das Resultat der Studie wirkt wie eine
Illustration meiner Ausführungen:
Schlußlichter der 16 Bundesländer sind, was die
Wirtschaftsdynamik anlangt, Brandenburg,
Mecklenburg/Vorpommern und Berlin – genau jene Länder also,
in denen die PDS derzeit mitregiert bzw. – wie in „Stolpe-Land“ –
über Jahre ein geistiges Klima erzeugt wurde, das stark an DDR
erinnert. Diese „Schlußlicht“-Länder, so stellen
Wirtschaftsexperten fest, kriegen fast nichts geregelt, sind hoch
verschuldet und haben mit ideologischem Krampf und politischen
Streitereien bereits wichtige Investoren vergrault.
Und: Sie sind identisch mit jenen Bundesländern, in denen
Fremde noch immer besonders aggressiv weggebissen werden ...
und noch mehr gemieden und gemobbt wird, wer zu
den Heimkehrern zählt.
Sichtbar herrscht ein Zusammenhang zwischen geistiger Enge
und ausbleibender Wirtschaftsdynamik – wobei hier die vielen
kreativen Nordlichter nicht unter den Tisch fallen sollen, die
selbst unter den Verhältnissen in ihrem Land leiden.
Thüringen rangiert immerhin hinter den Bayern und Hessen, und
noch weiter vorn in der Wirtschaftsdynamik finden wir Sachsen-
Anhalt. Das allerdings erst seit gut einem Jahr: Sachsen-Anhalt
ist, seit die PDS dort nicht mehr aus der Tasche von Herrn
Höppner lugt und heimlich mitregiert, von Platz 12 auf Platz 4
hochgeschnellt.
Ganz oben an der Spitze liegt Sachsen: Das Land hat sich nie
gescheut, aus dem Westen stammende Mitbürger in höchste
Gremien zu wählen, wenn die als fähig erkannt wurden. Hier
spielte am wenigsten eine Rolle, ob jemand aus der Nebenstraße
kommt oder einer Stadt im Ruhrgebiet, aus Polen oder Amerika.
Bleibt zu hoffen, daß die Zunahme rechtsradikalen Denkens den
Vorsprung nicht wieder zunichte macht.
Bleibt zu hoffen, daß östlich der Elbe jenes Klima entsteht, in
dem willkommen geheißen wird, wer gut für die Zukunft des
Ostens ist.
Freya Klier
Der abgedruckte Essay erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin ist Schriftstellerin und wurde insbesondere durch die Bücher "Abreiß-Kalender - ein Tagebuch", "Lüg Vaterland. Erziehung in der DDR", "Die DDR-Deutschen und die Fremde , "Wir Brüder und Schwestern" und die Dokumentarfilme "Verschleppt an das Ende der Welt", "Das kurze Leben des Robert Bialek" bekannt.
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