A u t o r e n b e i t r ä g e


Meinung zum Zeitgeschehen:

"Wenn die Sowjetarmee nach Deutschland käme…"
Bereits 1939 plante W. Semjonow auf Stalins Befehl die "Bodenreform" für die spätere SBZ

von Klaus Peter Fischer


Alle bedeutsamen geschichtlichen Ereignisse besitzen eine Vorgeschichte, die verhüllt, verborgen, verkahlt bleibt, bis sie aus den Geheimarchiven oder von Wissenden aus bloßer Neugier oder mit neuen Zielen an das Licht der Öffentlichkeit gelangen. So verhält es sich mit dem in diesen Tagen gewürdigten 13. August, so mit dem 17. Juni 1953, selbst der Nobelpreisträger Günter Grass besitzt eine, wie man erst dieser Tage erfuhr. Ebenso wie auch die mit dem Einzug der sowjetischen Besatzungsmacht in Deutschland verordnete Bodenreform in der SBZ/DDR von 1945 bis 1949.

Der Historiker Stefan Scheil, der mit der Veröffentlichung seines neuesten Werkes "1940/ 1941 - die Eskalation des Zweiten Weltkrieges", kürzlich in dem überaus angesehenen Münchner Olzog Verlag erschienen, für erhebliches Aufsehen in der Fachwelt sorgt, erschloss bei seinen Studien neue Quellen. Danach gab es bereits lange vor Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges von 1941 die Zielvorstellung einer "Bodenreform" in Deutschland. Scheil bezieht sich für den engeren Kreis dieser Problematik dabei auf den vormaligen Sowjetbotschafter in der DDR, Wladimir Semjonow, der von Sowjetaußenminister Molotow aus dem schon überfallenen Litauen abgezogen und nach Berlin in die dortige Sowjetbotschaft versetzt wurde, um exaktere Studien vor Ort über die innere Verfasstheit Deutschlands betreiben zu können, die bereits 1939 dem Ziel dienten, umfassende Vorstudien für ein zukünftig besiegtes, besetztes Nachkriegsdeutschland zu schaffen. Dazu gehörte auch bereits eine damals avisierte "Bodenreform".

Semjonow, der bereits einschlägige Erfahrungen bei der Sowjetisierung baltischer Staaten erworben hatte, die nach dem längst bekannten blutigen Muster von Deportation und Ausrottung der Führungsschicht des jeweils besetzten Landes folgte, weihte damals den offenbar noch nicht eingeweihten oder vielleicht auch nur begriffsstutzigen Botschafter Shkartzev über die neueste Wendung der Stalinschen Kriegspolitik ein. Dabei begründete er seine umfassenden Studien auch im Bereich der Landwirtschaft damit, wenn "die Sowjetarmee einmal nach Deutschland käme, müssten wir doch wissen, wie hier eine Bodenreform unter Berücksichtigung der Bodenverhältnisse in den verschiedenen Gebieten durchzuführen sei".

Diese Feststellung enthüllt jenseits aller sonstigen Schutzbehauptungen über einen Kampf gegen das wahlweise "kapitalistische", "faschistische" oder "nationalsozialistische Deutschland" einen weltrevolutionären Ansatz, der auf die Installation des Sowjetregimes in den jeweils besetzten Gebieten abzielt. Also kein so genannter Befreiungskrieg, sondern ein Schlag, der sich des entscheidenden Landes des Kontinents versichern wollte, um Europa unter die Fuchtel des Leninismus- Stalinismus zu bringen, das schließlich auch globale Ziele, wie sie die "Komintern", die Kommunistische Internationale offen propagierte, einschloss.

Fest steht damit auch, dass mit diesen und weiteren dokumentarisch belegbaren Stellen, die später von dem "Kanzler der Einheit" und seinen engsten Mitarbeitern Schäuble und Herzog aus selbstverständlich anderen Motiven heraus gerechtfertigte "Bodenreform in der SBZ" einen überaus bedeutsamen Bereich Stalinscher besatzungspolitischer Ziele einen nachträglich beispiellosen Triumph verschafft.

Im Lichte menschen- und völkerrechtlicher Prinzipien ein Skandal erster Güte, der sich unwürdig einreiht in das von Stalin befohlene und von SED-Chef Ulbricht und DDR-Präsident Pieck gebilligte Görlitzer Abkommen von 1950, das ohne rechtliche Grundlage die Gebiete jenseits von Oder und Neisse abschrieb, um schließlich zu jener "Friedensgrenze" zu führen, die dann Grundlage des von Kohl gebilligten "Grenzbestätigungsvertrages" von 1990 wurde. Damit haben sich zwei gravierende politische Ziele Stalins verwirklicht und deutlich prägend in die deutsche Geschichte eingeschrieben. Da sich historische Zitate oft willkürlich in erstrebte Ziele scheinbar beweiskräftig einfügen, soll hier die angeführte Absicht Semjonows in den größeren Zusammenhang der sowjetischen Deutschlandpolitik der Vor- und Kriegszeit unter Stalin gestellt werden, ohne dabei diesen Beitrag zu einem historischen Exkurs geraten zu lassen.

Galten bislang die Thesen als verbindlich, wonach Stalin mitsamt seiner friedliebenden Sowjetunion gleichsam über Nacht, hinterhältig und ohne Vorwarnung von den deutschen Truppen überfallen worden sei, so sickern spätestens seit der von Gorbatschow eingeleiteten Politik von Glasnost immer mehr Erkenntnisse durch, die das Gegenteil nahe legen. Was vordem nur in kleinstem Kreise und jenseits der Hofhistoriker diskutiert wurde, kam ab 1990 allmählich in das offiziellere Gespräch kundiger Historiker.

Den Auftakt lieferte zunächst interessanterweise der bereits 1978 nach England geflohene ehemalige sowjetische Generalstabsoffizier Viktor Suworow, der nahezu ausschließlich sowjetische Quellen anführte, die Stalins dann verhinderten "Erstschlag gegen Deutschland" belegen. So gesehen, war nach Suworows Deutung Generalissimus Stalin der eigentliche Schlachtenlenker des Kontinents, der Herr der Dinge, auch wenn er am Ende, lange nach dem Krieg, schließlich doch noch das letzte Gefecht verlor, wie Alexander Pokryschkin, Marschall der Luftstreitkräfte und Dreifacher Held der Sowjetunion bekannte: "Alle waren sich darüber einig: Der Krieg in Europa war zu Ende, aber die kapitalistische Umzingelung bestand weiter".

Suworows Thesen stießen damals natürlich zunächst auf wenig Glaubhaftigkeit bei den machtvollen Linienschiffen der historischen Zunft, die in ihren Studien häufig schon vorwegnahmen, was politisch als gewünschtes Ergebnis aufscheinen sollte. Entsprechend wurde daher mit den Büchern des geflohenen Generalstabsoffiziers verfahren: seine Bücher verschwiegen oder als unseriös abgetan.

Die Zwickmühle der Hofhistoriker wurde verständlich, denn was Suworow enthüllte, stellte die bislang erzählte Geschichte gewissermaßen auf den Kopf. Eine mehrfache Überlegenheit bei Panzern, Flugzeugen, Schiffen, Artillerie. Militärisches Kartenmaterial, das nur Gebiete westlich der Sowjetunion anzeigt, eine auf Angriff gestaffelte Rote Armee, die deswegen 1941 zunächst riesige Verluste an Menschen, Material und Land hinnehmen musste. Eine militärstrategische Konzeption, die besagte: "Der Feind ist auf seinem eigenen Territorium zu schlagen!" ("Roter Stern" 18. April 1941). Eine Sowjetpropaganda, die einen "entschlossenen Angriff auf ganzer Frontbreite" forderte und in der die "Ausführung einer strategischen Verteidigung oder anderer Varianten des Handelns praktisch nicht durchgespielt wurde". Das Verschweigen, das Außerachtlassen abweichender Stimmen blieb auch hier die wirkungsvollste Waffe im Kampf um historische Wahrheit.

Nach 1989, mit der vorsichtigen Öffnung sowjetischer Archive legten andere Historiker nach: Werner Maser mit "Der Wortbruch", der das ungeheure Potential der Stalinschen Rüstung anzeigte, Joachim Hoffmann "Stalins Vernichtungskrieg" und "Die Sowjetunion bis zum Vorabend des deutschen Angriffs", um nur einige zu nennen.

Und endlich, in unseren Tagen, dann wieder Stefan Scheil, ein Junior der historischen Zunft, der sich neben den neuen, nunmehr zugänglichen auswärtigen Quellen insbesondere der reinen Interesselagen der am Krieg beteiligten Mächte annimmt. Dabei ist es ihm salopp gesprochen, piepegal, ob es sich um Interessen Frankreichs, Italiens, der Vereinigten Staaten, Deutschlands oder Englands handelt. Dies führt naturgemäß zu Irritationen bei denen, die auf eine Einseitigkeit der Interessenlage eingestimmt waren: Hie Weltherrschaftsabsichten, da hehres Streben nach Weltfrieden, Gerechtigkeit, Zivilisation.

Fontanes in England erworbenen Einsicht: "Sie sagen Christus und meinen Kattun" hielt man immer für einen belletristischen Ausrutscher des Märkers, der nicht so ohne weiteres auf die Goldwaage zu legen sei. Tatsächlich aber hatte das Empire nach dem Ende des Ersten Durchgangs seine Weltmachtstellung zu verteidigen, obwohl sich sein weltweiter kolonialer Besitz nicht rechnete und das Land schon als Schuldner aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangen war. Dem Empire auf den Fersen waren die Vereinigten Staaten, die mit ihrer übermächtigen Industrie Absatzmärkte und Beschäftigung für die über 12 Millionen Arbeitslose benötigten. Seit das mächtige Land vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean industrialisiert war, New deal gescheitert war, schielte es auf seinen Anfänge, in die von Krisen geschüttelten Regionen der Alten Welt zurück.

Da war Polen, das sich seit seinem Krieg gegen die noch schwache Sowjetunion, gegen die Tschecho-Slowakei und seinem Zugewinn über die manipulierten deutschen Abstimmungsgebiete stets territorial gefährdet sah, das unter Pilsudski dennoch nach Berlin durchreiten und nach späterer Tuchfühlung in Paris und insbesondere in London suchte und fand, was es zuvor nicht zu erreichen vermochte. Und da war Deutschland, das unter Hitler die Revision des Versailler Vertrages und der anderen Pariser Vorortverträge anstrebte.

Stefan Scheil untersucht alle diesen Interessenlagen, benennt sie, stellt sie in Wechselbeziehung zu den jeweils konträren Ländern und Mächten und erhält so ein umfassendes, auch für den Leser nachvollziehbares Abbild jener Epoche. Abweichend, natürlich, von der gängigen Lehrmeinung, aber schlüssig, sehr schlüssig. Warum schließlich sollten andere Mächte keine Interessen haben? Scheil geht so weit, dass wesentlich die weltrevolutionäre Zielstellung Moskaus den Schlüssel für den Zweiten Durchgang liefert.

Der frühe Kämpfer der Revolution, Leo Trotzki, formulierte bereits 1917 Ziele und Hoffnungen seiner Revolutionsgenossen: "Unsere ganze Hoffnung setzen wir darauf, dass unsere Revolution eine europäische entfesselt. Wenn die Völker Europas, die sich erhoben haben, den Imperialismus nicht zerschmetterten, werden ohne Zweifel wir zerschmettert werden. Entweder entfesselt die russische Revolution den Kampf im Westen, oder die Kapitalisten aller Länder ersticken unseren Kampf".

Auch wenn die Kapitalisten aus England und den Vereinigten Staaten zunächst nicht die Sowjetunion erstickten, so ergeben sich doch daraus die globalen Absichten dieser Bewegung. Grigori Sinowjew, Vorsitzender der Komintern, erläutert dies für die spätere Zeit so: "Wenn Russland Frieden schließt, wird dieser Frieden nur ein Waffenstillstand sein. Die sozialistische Revolution in Russland wird nur dann siegen, wenn dieses von einem Ring sozialistischer Schwesterrepubliken umgeben ist. Der mit dem imperialistischen Deutschland geschlossene Frieden wird eine episodische Erscheinung sein. Er wird uns eine kleine Atempause gewähren, nach der der Krieg erneut losbrechen wird." Bereits nach dem Einfall in Lettland, sprachen sowjetische Offiziere gegenüber einheimischen Genossen davon, dass "in Deutschland bald eine Revolution ausbrechen werde, dann werde die Rote Armee auch dort Neuerungen schaffen und dann nach England und Frankreich ziehen". Bereits im Januar 1941 stimmte Stalin in einem Vortag seine Truppenoffiziere auf einen baldigen Kriegsbeginn ein: "Das Spiel nähert sich den kriegerischen Operationen".

Es kann kein Zweifel mehr darüber aufkommen, dass sich die Sowjetunion mit ihren ideologischen Prämissen in den im Gefolge des Zweiten Weltkrieges besetzten Ländern und Gebieten mit revolutionären Absichten ausbreitete. Die Aktionen waren auf Endgültigkeit hin angelegt und keineswegs nur als feindselige Maßnahmen gegenüber dem besetzten und besiegten Deutschland zu werten. Dies zeigen die Vergleiche mit den anderen besetzten, sogar ebenfalls slawischen Ländern, aber auch die mit Ungarn oder Rumänien an.

Als am 2.September 1945 in Kyritz an der Knatter unter der Regie des späteren DDR- Präsidenten Weilhelm Pieck die erste spektakuläre Aktion für eine "Bodenreform" vorbereitet wurde, vollendete sich, was 1939 unter der Federführung des sowjetischen Politikers Wladimir Semjonow in der sowjetischen Botschaft in Berlin als Planungsziel für einen erfolgreich erhofften Krieg seinen Anfang genommen hatte: "die Bodenreform".

Den Fortbestand dieser imperialistischen Forderung beibehalten zu haben, gehört zu den bundesdeutschen Denkwürdigkeiten, an die zu gewöhnen nicht nur den Geschädigten so schwer fällt, sondern allen wacheren Zeitgenossen. Demokratisch verliehene Macht ist hier zu der Fähigkeit pervertiert, nicht mehr auf das Volk hören zu müssen, weil man ohnehin das Sagen hat.


Der Kommentator und Publizist K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"



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