|
A u t o r e n b e i t r ä g e
Meinung zum Zeitgeschehen:
Dienstmädchen und veritables Frischfleisch "Ostseezeitung" bangt um die
"Freiheit" der Mamsell Svenja
von Klaus Peter Fischer
Fernsehdramaturgen sind nicht zu beneiden, immerfort müssen sie neue Geschichten erfinden. Dabei scheint die Rezeptur einfach: Liebe, Tod und tausend Küsse. Halt das, was das Leben so ausmacht. Aber Vorsicht! Die Bestie Publikum giert nach immer neuen Genüssen, will immer neuen Kitzel. Was gestern noch mühelos durchging, gilt heute als geschmacklos, langweilig, abseitig. Nur an den Grenzregionen menschlicher Empfindungen liegen noch Potentiale brach: Mal dem Pathologen im Sektionsraum über die Schulter zu schauen, wenn er dem Brustraum eines Toten mit Hammer und Säge zu Leibe rückt, oder bei vermeintlicher Prominenz einfach mit unter die Bettdecke schlüpfen. Gruselige Abscheu und schlüpfrige Lüsternheit lassen sich wie Gummibänder fast beliebig dehnen, auch wenn am Ende allemal die ausgeleierten Bänder kraftlos baumeln.
Das Publikum, einmal auf die steil abschüssige Ebene des Profanen geführt, findet Gefallen an dieser Talfahrt, was wiederum die Fernsehmacher zu der Annahme verführt, mit ihren dumpfen Vorgaben gewissermaßen auf dem besten Wege zu sein. Und dann sind da noch die smarten Hersteller von Brühwürfeln, Fischstäbchen oder Schnürsenkeln, die besonders hehre Erwartungen an die Zuschauer und damit an die Regisseure knüpfen.
Damit nicht genug, auch die Politik mischt sich ein. Schließlich sieht man es lieber, wenn der Bürger sich über Sternzeichen und Abmagerungskuren ereifert, als über vergeigte Politik, Wahlversprechen oder soziale Mißstände zu meckern.
Dieser Tage protzte nun die ARD, offenbar angeregt durch die dumpf erotelnde "Big Brother"- Sendung eines Privatsenders, mit einer modifizierten Internierungsvariante unter dem Titel "Abenteuer 1900": Zwanzig Frauen, Männer und Kinder des stolzen und allseitige aufgeklärten 21. Jahrhunderts pferchen sich in die enge Röhre eines Zeittunnels, um sich im profanen "Alltag eines ostelbischen Herrenhauses" von 1900 wiederzufinden, wie es in einer Projektbeschreibung des Senders heißt. Auf sie wartet, bei der markierten Vorgabe "ostelbisch", geradezu zwanghaft: eine Welt "starrer Standesgrenzen". Aber das ist beileibe nicht die einzige Hürde, die die 20 von 2000 ausgewählten Darsteller zu nehmen haben, sie müssen auch noch ja, ja und o, je! das Martyrium ertragen, das ihnen die jeweils zu spielende Rolle vorgibt.
Wie gehe ich damit um, fragt sich daher Film- Produzent Thomas Kufus besorgt, wenn "ein Küchenmädchen zehn, zwölf, vierzehn Stunden" arbeiten muß, während die Herrschaften in "der oberen Etage...Musik genießen". Ja, wie? Eine Frage so zu stellen, heißt sie lapidar auch gleich mit den Worten "Klassengesellschaft hautnah" (Kufus) zu beantworten. Wenn es nur so schön einfach wäre!
Es geht hier nicht um eine verdeckte oder gar offene Apologie einer ständestaatlichen Ordnung, sie war brüchig, unbeweglich, starr und vermochte selten angemessen auf die damaligen Wandlungen von städtischer und ländlicher Strukturen zu reagieren. Aber diese seifige Vorabendserie mit dem längst blutig aufschäumenden Begriff "Klassengesellschaft" zu qualifizieren, heißt doch nichts anderes als Deutungsmuster zu bemühen, die ihre Überzeugungskraft immer nur aus der Kraft einer hoffnungslosen Utopie oder aus der Macht der Bajonette zogen.
Zwar räumt Produzent Thomas Kufus ein, daß er diesen Begriff nicht im "streng wissenschaftlichen Sinne" benutze. Aber, so führt der kundige Fernsehmann, der seine ersten Sporen bei dem nicht minder kniffligen ARD- Projekt "Schwarzwaldhaus" erwerben konnte, kundig aus, "schon die Aufteilung" des Gutshauses mache die Klassengesellschaft "greifbar". Sicher, sicher, oft gibt auch schon die Art den Stubenbesen zu halten, tiefe Einsicht in die damalige Verworfenheit des Systems. Als würden heutzutage Büro- oder Fabrikationsräume nicht differenziert zwischen Monteuren, Abteilungsleitern, Ingenieuren und Werbekaufleuten gestaltet.
Oder als gäbe es in der Gegenwart nicht fünf Millionen Analphabeten und damit eine rasch immer weiter sinkende Zahl politisch mündiger Bürger. Der Sand, der hier vermutlich aus reiner Arglosigkeit in die schon fast erblindeten Augen der Zuschauer verstreut wird, läßt sich mühelos von Kräften aufgreifen, die mit solchen Schlagworten die Struktur Mecklenburgs und anderer überwiegend landwirtschaftlich geprägter Landschaften bis fast zur Unkenntlichkeit hin verformt haben.
Die Hauptsache aber, die jedem Metzger sofort in die Augen gesprungen wäre, unterschlägt der Kritiker der "Ostsee-Zeitung" prompt: Keine Kühltruhe, dafür aber Frischfleisch, schönes frisches Fleisch! Ein Satiriker fragte einst: Immer Kritik, Kritik! Wo bleibt eigentlich das Positive? Ja, wo? Man muß es eben nur aufgreifen, es liegt selbst in einer Seifenoper.
Der Kommentator und Publizist K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"
Seitenanfang
|