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B u c h b e s p r e c h u n g Vaterlos mit einer seltsamen Form von Vernunft Es gibt Bücher in der Flut der Neuerscheinungen, die man nicht übersehen darf, auch wenn sie nicht die Rückendeckung eines großen Verlages genießen. Peter Fischer hat jetzt mit Der Schein einen Roman vorgelegt, der aufmerken läßt. Daß die Welt Schein und die Erkenntnis bitter ist, hat die Literatur schon immer beschäftigt. Der Autor des Romans vermag diesem alten Motiv jedoch etwas Neues abzugewinnen. Bereits der slawischen Ursprung suggerierende Name des Helden, Michael Sahlok, erweist sich bei näherem Hinsehen als Kryptogramm, das auf Kleists Novelle Michael Kohlhaas anspielt und damit programmatische Funktion gewinnt. Der Lebensweg des Helden ist kein ganz ungewöhnliches Zeitzeugnis, zugleich aber auch alles andere als das: der Vater im Krieg gefallen, Jugend in einer Kleinstadt Thüringens, Schulbesuch und erste Liebe, Studium in Halle, Spannungen mit dem politischen System, Fluchtversuch und Haft, schließlich Freikauf durch die Bundesrepublik, das sind Stationen einer Biographie, die der Protagonist mit so manch anderem teilt. Aber Michael Sahlok fügt sich nicht in das traditionelle Muster der Erfahrungshelden ein: Er ist kein Geschöpf des Initiationsromans, auch kein Simplicius Simplicissimus, er ist weder der Spieler des Schelmenromans noch die Schmerzensgestalt der zeitkritischen Literatur. Mit ihm gewinnt vielmehr ein völlig neues Geschöpf Leben, und das ist das Faszinierende dieses Romans. In dem Bewußtsein des Helden bringt der Autor eine gleichsam sezierende Beobachtungsweise des Erlebenden mit den Reflexionen eines erfahrenen Erzählers zur Synthese. Die Zeitebene des Erlebenden wird dabei integriert in die Zeitdimension des geschickt vom Autor gesteuerten Erzählers. Auf diese Weise wandelt die Gegenwart ständig auf den Spuren der Vergangenheit: "Er wußte nicht, daß Erwachsene stärker noch als Kinder wie Marionetten an den unendlich vielfältig geknüpften Fäden der Vergangenheit hängen", heißt es bezeichnend über Michael Sahlok. An diesem Punkt erklärt sich der Titel des Romans: Der Protagonist bewegt sich in einer Welt, die er nicht durchschaut, in der er aber von einer Einsicht in die andere stolpert, vielfach völlig überrascht, aber stets reflektierend und schlußfolgernd. Der jugendliche, teils naive Erfahrungshorizont weitet sich durch die auktoriale Steuerung der Persepktive zu einem Herantasten an die Wirklichkeit. Diese Konstruktion erlaubt es sogar, den Horizont bis in die Zukunft auszuweiten. Die Welt erscheint nun als eine unendliche Folge von Kulissen, die fortwährend durchschritten werden. Hinter jeder Kulisse verändern sich Weltbild und Standpunkt des Betrachters. Ein Ende der Kulissenfolge ist nicht abzusehen, und die Erlangung von Wahrheit gleicht einem Infinitesimalwert. Intensiviert wird die Bewegung durch die Welt des Scheins noch dadurch, daß Biographie und politische Umbrüche zusammenfallen. Dem Roman ist der Satz Eugene O'Neills vorangestellt, daß die Vergangenheit Gegenwart ist und wir stets versuchen, uns aus diesem Dilemma herauszulügen. Man könnte dieser Feststellung auch noch den Titel des dazu gehörenden Dramas von O'Neill hinzufügen: Der Roman stellt Eines langen Tages Reise in die Nacht dar. Doch selbst in der Nacht scheint Positives auf. Die Kohlhaas-Tendenz zum Absoluten ohne Kompromiß wirkt sich hier nicht zerstörend aus. Im Gegenteil, das auch in der Entwürdigung der Haft nie nachlassende Streben nach Erkenntnis bildet einen Wert an sich, der dem Menschen seine Würde und dem Leben seinen Sinn gibt. Und so endet der Roman auch nicht in der Nacht, sondern Michael Sahlok tritt, nachdem er am Ende das Grab seines gefallenen Vaters in Frankfurt am Main gefunden hat, heraus "aus den Schatten der mächtig aufragenden Bäume in den hellen Schein der Sonne ...". Die Soziologie der Nachkriegszeit hat zu Recht viel von der vaterlosen Gesellschaft gesprochen. Zweifellos gehört Michael Sahlok ihr an. Vaterlosigkeit wird im Roman zum Ausdruck von Verlust und Orientierungslosigkeit . Unter ihrem Makel leiden zu müssen, ruft auch in Michael Sahlok existenzielle Zweifel hervor: "Uns Vaterlosen fehlt mitunter die Kraft, den Blick in den Abgrund als Chance anzunehmen". Aber statt in Aufruhr, wie die Generation der 60er Jahre es tat, übersetzt er den Schmerz des Vaterverlustes in einen ständigen Suchprozeß. Doch muß er erkennen, daß auch das Auffinden der väterlichen Grabstelle, die Wiederbegegnung mit dem Vater, die Welt noch keineswegs einrenkt. Bis zuletzt stößt er auf die Polarität von Welt und Erkennen: Die Grabstelle des Vaters befindet sich in einer langen Reihe von Soldatengräbern, an der er achtlos vorbeigelaufen war. Der Roman verlangt dem Leser einiges ab, nicht zuletzt wegen der zahlreichen Anspielungen, Bezüge und Implikationen. Doch mit der Unerbittlichkeit eines Michael Kohlhaas beobachtet und analysiert der Roman das politische und soziale Leben von DDR sowie Bundesrepublik. So wie dabei eine Kulisse nach der anderen weggeschoben wird, vermag der Roman zu faszinieren. Peter Fischer, Der Schein. Roman. Ludwigsfelde: Ludwigsfelder Verlagshaus, 2004, Walter T. Rix Dr. Walter T. Rix nach oben |