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B u c h b e s p r e c h u n g Die Wiederkehr des Bildungsromans Obwohl in regelmäßigen Abständen Bestsellerlisten veröffentlicht werden, ist es für den Leser oft nicht einfach, aus der Vielzahl der jährlich erscheinenden Bücher jene herauszufinden, die seinem Geschmack und Niveau entsprechen. Nicht selten wird Belangloses hoch gelobt und Interessantes bleibt von der Kritik unbemerkt, besonders dann, wenn ein neues Buch nicht in einem Nobelverlag erschienen ist. Peter Fischers Roman ist so ein Werk, das in seiner bescheidenen äußeren Aufmachung auf dem überreich bestückten Feld der Literatur zunächst nicht sonderlich auffällt. Erst dann, wenn man diesen grauen Stein aufliest und zerschlägt, offenbart er seinen glänzenden Inhalt. Fischers Buch spricht keine seichte Alltagssprache. Es fordert vom Leser Aufmerksamkeit, wenn er den Durchblick in die Tiefe der fein gesponnen Gedanken gewinnen will. Schon der Titel des Romans ist eigenwillig und doppelbödig: "Der Schein"! Das Leben erhält erst dann einen Sinn, wenn man den Schein, den Anschein der Dinge und Ereignisse durchdringt und die dahinter verborgene Realität zu erkennen vermag. Dieser geistige Genuß kann weder erkauft noch durch Macht erworben werden, sondern man muß ihn sich selbst erarbeiten. Das macht ihn selten, aber dadurch eben auch so kostbar. Die Fabel des Romans scheint zunächst einfach und überaus zeitgebunden: Ein kleiner Junge aus gutbürgerlichem Hause erlebt den Einmarsch der Roten Armee in Thüringen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Junge ist früh schon ein gebranntes Kind, denn sein Vater ist in den letzten Tagen des Krieges noch gefallen. Wie Millionen gleichaltriger Kinder bleibt sein Leben nun dauerhaft markiert. Hat dieser Junge nun, der im geteilten Deutschland aufwächst, von daher ein allergisches Verhältnis zu seinem Vaterland? Scheinbar nicht. Schulzeit und Jugend verlaufen ohne äußerlich auffällige Besonderheiten. Michael Sahlok, die Hauptfigur, ist kein Hurraschreier. Eher still, nachdenklich, der den umlaufenden Dingen auf den Grund gehen will. Deshalb wählt er auch als Studienfach Geschichte. Hier Wahrheiten zu finden, scheint sein Lebensziel. Und er kommt ihnen schließlich gefährlich nahe. Das bringt ihn geradezu zwangsläufig in Konflikt mit dem SED- Regime. Nach einem in Ungarn gescheitertem Fluchtversuch gerät er in die Hände der Stasi, wird verurteilt und findet - wie innen so außen - in der Haft die Realität jener Gesellschaftsordnung bestätigt, über die er schon früh ein zutreffendes Urteil gefällt hatte. Die Stärke des Buches liegt insbesondere darin begründet, daß es gedanklich und sprachlich weit über den Rahmen eines bloßen Häftlingsromans hinaus führt. Ein Kritiker urteilte unlängst, daß es sich hier um die Wiederentdeckung eines in des Wortsinnes doppelter Bedeutung desideraten Bildungsromans handele - bislang in dieser Form im Nachkriegsdeutschland einzigartig. Das Buch wird nicht nur jene Leser ansprechen, deren Väter, Brüder und Freunde in jenem Jahrtausendgefecht ihr Leben gaben und sie selbst schon früh in einem nicht nur äußerlich zerstörten Land ungeschützt und unberaten zurückließen, sondern auch eine dicht gezeichnete Milieustudie für jene bieten, deren Lebensgang nach der Stunde Null des Kriegsendes mit einiger Bewußtheit einsetzte. Dies schließt gleichsam früh vorahnende seismographische Empfindungen mit ein, die die sich heutigentags hoch auftürmenden Schwierigkeiten beim nicht endend wollenden Vereinigungsprozeß bereits vorwegnehmen Ein seltener Wurf auf dem Buchmarkt, der beim Leser tiefe Nachdenklichkeit erregen und lange nachwirkende Betroffenheit hinterlassen dürfte. Man darf sehr auf den zweiten Band, "Der Fall", der Trilogie hoffen, der den Lebensgang des Michael Sahlok nach dem Freikauf von 1975 bis zum Fall der Mauer verfolgt. Peter Fischer, Der Schein. Roman. Ludwigsfelde: Ludwigsfelder Verlagshaus, 2004, Hellmuth Nitsche (Der Rezensent war Professor für Literatursoziologie an der Universität Würzburg) nach oben |