B u c h b e s p r e c h u n g


Ein deutsches Leben im Räderwerk der Zeit
Zu Peter Fischers soeben erschienenem Roman "Der Schein"

Den Literaten scheint es keineswegs fremd, ihre Stoffe auch aus dem dunklen Buch der Geschichte zu entlehnen. Wesentliche Dramen unserer Klassiker leben sogar zu großen Teilen davon, auch wenn ihre Titelhelden zunächst selten poetischer Hauch umwehte. Das Wechselspiel von Willensfreiheit und Selbstbestimmung im Spannungsfeld politischer, Hoffnung und Vernunft durchkreuzender Mächte zu untersuchen faszinierte schon immer.

Die Welt ist seither kaum ruhiger geworden und eigentlich müßte diese Problematik immer noch Generalthema gerade unserer deutscher Belletristik sein. Doch die unseligen Mesalliancen von apolitisch schäumender Seifensiederei und stetig steigendem Profit dauern fort, seit Verleger verfügten, den Lektoren einen nur am Umsatz orientierten Rechner mit an den Lesetisch zu setzen. Das gräbt der Belletristik Spielraum und Themen ab und nötigt sie in die billigen Schauplätze grob gefertigter Scherenschnitte. Aber das ist schon ein spezielles Thema fehlgeleiteter Großverlage, das allmählich von Kleinverlagen zugunsten lesbarerer Artistik entschieden wird.

Hier nun soll der Lebensgang eines Menschen vorgestellt werden, der genau in jenem Spannungsfeld von Krieg und Nachkrieg, umbrechenden politischen Anschauungen innerhalb eines geteilten Landes lebt und zugleich von Anfang an auch Opfer jener vorangegangenen zerstörerischen Gewalten ist. Sein Vater fällt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges nahe bei Frankfurt am Main, fast einen Katzensprung von einer südthüringischen Kleinstadt entfernt, in der sein Sohn zwei Jahre früher geboren wurde und dann dort aufwächst. Seltsam nur, daß die hessische Metropole und damit das Grab seines Vaters sich mit jedem Jahr seit dem Ende jenes blutigen Ringens immer weiter zu entfernen scheint, bis beide mit dem Bau der Mauer für Jahrzehnte vollständig unerreichbar werden. Machtpolitik triumphiert allemal mühelos über Sehnsüchte von vaterlos aufwachsenden Kindern und führt diese noch müheloser als andere in die tröstende Sphäre phantastischer Welten.

Für Michael Sahlok, der Hauptfigur von Peter Fischers Roman "Der Schein", der jetzt im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen ist, schwingt sogar anfangs noch die Hoffnung mit, daß der amtlich längst für tot Erklärte unversehens doch noch durch das Gartentor tritt. Er will für diesen Tag bereit sein und trifft umsichtige Vorkehrungen: "Manchmal malte er mit weißer Schulkreide kleine Pfeile auf das Pflaster, die mit ihrer Spitze allesamt auf den Heimweg wiesen. Nur eine Vorsichtsmaßnahme, dachte Michael, es hätte doch sein können, daß Vater nach Krieg und Gefangenschaft den Rückweg nicht mehr erinnerte". Unverhoffte Rückkehr in diesen Zeiten gab es selten, viel zu selten. Auch Michael wurde vom Schicksal nicht begünstigt. Später, inzwischen schon Schüler, ist er "überrascht, daß fast die Hälfte seiner Klasse einen Vaterverlust anzeigt."

Er ist also nicht allein mit seiner Vaterlosigkeit, aber das ist weder tröstlich noch schafft es günstige Sonderverhältnisse: "Er nahm sich nach jener Zählung vor, den Verwaisten durch gezielte Gesten anzuzeigen, daß man in besonderer Weise gezeichnet und miteinander verknüpft war. Doch dieser Versuch mißlang." Denn erst der Gang durch die Zeit mußte ihn belehren, schmerzhafter, schwieriger, mühevoller als andere, daß jeder auf eigene Weise sich mit den gegebenen Umständen zu arrangieren trachtet und Schmerz wie Freude oft nur kurzzeitig währende Allianzen schaffen.

Literarisch ist dies gleichsam der Urstoff für einen Entwicklungsroman, wonach in bewußter Komposition das innere und äußere Werden eines Menschen von seinen Anfängen bis zu einer gewissen Reife verfolgt wird. Wenn man zu dieser Charakterisierung noch den geographischen und historischen Rahmen hinzu nimmt, dann entwirft der Autor unversehens pars pro toto ein scharf konturiertes Stück deutscher Nachkriegsgeschichte: Zusammenbruch, wechselnde Besatzungsmächte, Fremdbestimmung und verwirrende ideologische Ansätze, die allesamt ihre Verheißungen nie erfüllen. Dies alles verträgt sich nur schwer mit dem Willen zur Ausformung der eigenen Persönlichkeit, aber es bildet gerade jene scharfen Widerhaken aus, in denen sich Helden hoffnungslos verfangen und untergehen oder gestärkt daraus hervorgehen und freikommen.

Schon früh dämmerte es Michael Sahlok: "Schreiben in der Öffentlichkeit darf nur derjenige, der die Neuverteilung der Karten nicht allzu einsichtig kommentiert". Peter Fischer kennt die Karten und hat dennoch das Wagnis auf sich genommen. Und sein Protagonist sinniert während der Stasi-Haft: "Wenn ich je auf die andere Seite komme, schwor sich Michael noch im Halbschlaf, dann will ich diese Balance kippen, mit allen Mitteln, still, klug, zäh". Man darf auf die beiden Folgebände Der Fall und Die Zwischenzeit gespannt sein.Der "unberatene" Michael Sahlok, er trägt in sich "Neugier, tiefe, brennende, bohrende und durch nichts und niemanden zu stillende Wißbegier", sucht die Nähe zu einem Studienrat, von dem er weiß, daß er mit seinem Vater bekannt war. Doch der erzählt ihm weniger vom Wesen seines Vaters als vielmehr von hintergründigen politischen Konstellationen, von Kunst und Geschichte, von verwirrenden Dingen der Finanzwelt und von literarischen Denkmustern. Auch wenn der Schüler noch keineswegs die Bandbreite des umfänglichen Wissens seines hochgebildeten Studienrates vollständig erfassen kann, so bleibt es doch so verinnerlicht, daß er "noch nach Jahren die Rede im Wortlaut mühelos und ohne besondere Besinnung zu wiederholen vermochte". Für ihn bleibt es eine Art von indirekt vermittelter väterlicher Mitgift und gleichzeitigem Lebensauftrag, die Sicht des Studienrates bei seinem Gang durch die Welt auf ihre Wahrhaftigkeit hin zu erkunden.

Ausgestattet mit soviel sehnsüchtiger Neugier, entschied sich Michael für das Studium der Geschichte: "Der vorgebliche Drang jener Disziplin, zu wissen, wie es war, speiste und regte sich bei ihm geradezu übermächtig aus dem Biographischen" - und führte ihn später geradezu zwangsläufig in die Fangarme der Stasi. Haft und um 1975 endlich Freikauf durch die westdeutsche Regierung, der so lange schon ausstehende Besuch am Grab des Vaters eingeschlossen, beschließen den ersten Band der Trilogie, die einen deutschen Lebensgang auf äußerst eigenwillige Weise nachzuzeichnen sucht.

Dabei entwickelt Peter Fischer, Jahrgang 1943, aus der südthüringischen Waffenstadt Suhl stammend, als Redakteur auf den Feldern Politik, Theater und Literatur zu Hause, einst selbst Gefangener im Räderwerk der Stasi und später freigekauft, für diesen Roman einen überaus eigentümlich auf Distanz gehaltenen Erzählstil, der gleichwohl nie den mitfühlenden Unterton mit der Hautfigur verläßt. Freilich Klage und Anklage, denkbares Moralisieren wird dem Leser nicht geboten. Der Autor, offenbar längst schon lebensklug geworden, erzählt den Gang durch die Zeit des Michael Sahlok mit einem geradezu fatalen Gespür für Zwangsläufigkeiten. Wie sie sich mit einer in stete Unruhe gekommene Welt und sein durch die Verheerungen der beiden Großen Kriege noch längst nicht wieder zu sich selbst gekommenen Heimatland wie von selbst mit sich bringen. Wie ein aus Punkten und Strichen gemaltes pointillistisches Bild, dessen Wirkung sich erst in seiner ganzen Farbigkeit erschließt, wenn der Betrachter sich vollständig auf die Komposition eingelassen hat, verschränken sich auf exemplarische Weise Lebensgang und politischer Wandel.

So entstehen gleichsam unterschwellig fortwährend faszinierend neue Skizzen und auch wirkungsmächtige Gemälde aus dem übervollen Bildersaal jüngster deutscher Geschichte, die noch keineswegs längst vergangen, noch weniger bewältigt und überwunden scheint. Peter Fischer stellt seinem Roman jenen fatalen Satz von OŽNeill voran, den wir Deutsche nur bei Strafe unseres eigenen Untergangs überlesen dürfen: "Die Vergangenheit ist die Gegenwart, nicht wahr? Wir versuchen uns da herauszulügen, aber das Leben läßt uns nicht."

Ein herausragender, überaus tief angelegter Roman, der seine Leser mit großer Gewißheit finden und diese mehr als nur kurzzeitig anrühren dürfte. Man darf jetzt schon auf den zweiten Band hoffen, der Michael Sahlok in das Westdeutschland von 1975 bis zum Fall der Mauer führen wird.

Peter Fischer, Der Schein. Roman. Ludwigsfelde: Ludwigsfelder Verlagshaus, 2004,
kart., 179 S., € 22, --.



Oliver Mertineit



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