Hans - Peter Raddatz

"Die türkische Gefahr" Risiken und Chancen

Herbig Verlag München, 2004, ISBN 3-7766-2392-6, 287 Seiten, Preis 19,90 Euro


K. P. Fischer

Ein Teil des politischen Glaubens der Moderne nährt sich aus der Hoffnung, daß Gegensätze überbrückbar seien. Durch eine besondere Technik wechselseitiger Durchdringung sollen die Gegensätze ihre Schärfe verlieren, mithin eigentlich gar nicht mehr bestehen. Diese Anschauung hat zunächst etwas durchaus Faszinierendes, weil sie in ihrer einfachen Dialektik, befördert durch einen unterstellten, schier grenzenlos fortdauernden wirtschaftlichen Wachstumsimpuls, dem so gesetzten Wunschbild wenig Grenzen setzt. Der gegenwärtige Versuch der europäischen Einigung folgt diesen Gedankengang, wobei die geistigen Väter noch immer keine Gewißheit über die Endziele haben: Europa der Vaterländer oder europäischer Bundesstaat? Zu dieser noch unentschiedenen Frage tritt neuerdings verstärkt das "türkische Problem" hinzu. Will hier nur ein weiterer Staat hinzu? Oder bringt dieses Land, das sich von den bisherigen europäischen Nationen durch seine völlig verschiedenartige religiös- kulturelle Prägung prinzipiell unterscheidet, am Ende sogar die angestrebte kontinentale Einigung sogar zu Fall?

Hans- Peter Raddatz, promovierter Orientalist und versierter Wirtschaftssachverständiger obendrein, bietet nunmehr erneut Antworten zu diesem Themenkomplex an. Nach seinen damals viel beachteten "Von Gott zu Allah?" und "Von Allah zum Terror?" folgt jetzt das soeben bei Herbig verlegte Buch "Die türkische Gefahr?". Das Buch, offenbar einer kaufmännischen Überlegung folgend, trägt im Titel ein Fragezeichen. Um es vorwegzunehmen, die wissenschaftlich präzise gefaßten Analysen mit ihren gedanklich zu einem Ende hin verfolgten Schlußfolgerungen machen das Fragezeichen überflüssig.

Der Begriff der "türkischen Gefahr" zieht seine noch immer gegenwärtige Kraft aus der Geschichte. Es ließen sich unendlich viele Beispiele aus der türkischen Geschichte anführen, was Raddatz tut, die die spezifische Art der Kriegführung und ihrer zäh verfolgten Zielsetzung im Gang durch die Zeit verfolgen. Besonders aber hat sich für das christliche Europa der türkische Drang in die Mitte des Kontinents bis heute in schmerzlicher Erinnerung eingeschrieben. Stellvertretend für viele andere Belege wird vor allen Dingen der Drohbrief von Sultan Mohammed IV. an Kaiser Leopold I. von 1683 angeführt: "Wir werden Deutschland ohne Gnade und Barmherzigkeit mit Hufeisen zertreten. Wir werden Dich und alle Deine Anhänger durch Mord, Brand, Raub, Schändung und Plünderung vertilgen und das allerletzte Geschöpf Gottes, was nur ein Christenhund ist, von der Erde verschwinden machen. Wir werden groß und klein erst den grausamsten Qualen aussetzen und dann dem schändlichsten Tode überliefern". Die Sprache war damals durchaus offen und die angedrohten Konsequenzen ließen es nicht an Deutlichkeit fehlen. Freilich werden heutzutage Befürworter des Beitritts der Türkei zur EU diese einstige Drohung lächelnd mit dem Hinweis abtun, daß es sich um eine läppische historische Episode handele, da spätestens seit Kemal Atatürks Zeiten europäisches Gedankengut maximalistischen Thesen des Islam jene ihm eigentümliche Schärfe genommen habe und die Imame mit ihrem missionarischen Eifer deutlich gedämpft würden. Wer auf solche Wirkungen setzt, dürfte kaum etwas vom Wesen von Glaubenskriegen erfaßt haben und eher selbst Opfer eines Irrglaubens von der Machbarkeit beliebiger politischer Ziel werden. Es könnte durchaus die Möglichkeit auftreten, daß die in den politischen Elfenbeintürmen Europas wirkenden Kräfte die immer öfter am Horizont auftauchenden apokalyptischen Reiter von undefinierter Liberalität, der beliebigen Gültigkeit von Glaubensüberzeugungen und einer gefährlichen Volksferne nicht mehr abzuweisen sein werden. Die hiesige Elite vermag es zumeist es mehr, die verworrenen Szenarien politischer Kräfte auf nüchterne Fragen des europäischen Machterhalts zu reduzieren. In einem Glaubenskrieg verkommt aber alsbald die sonst eher vermittelnde Rolle der Diplomatie zwischen den Fronten zu einem Instrumentarium bloßer Kriegswissenschaft. Sie wird ausschließlicher Teil subversiver Propaganda, die augenblicklich elastisch auf eventuelle Einwände Außenstehender zu reagieren weiß. Wobei ihr auch und gerade in scheinbar friedlichen Zeiten offensive Propaganda keineswegs fremd ist: Hans- Peter Raddatz führt das Atatürk- Wort an: "Glücklich ist, wer von sich sagen kann: Ich bin ein Türke", das noch immer gehäuft an öffentlichen Gebäuden umläuft, und aggressiver "Ausdruck der historisch gewachsenen Integrität des Volkes und seiner zentralen Staatsidee, welche die Türken bis heute auf ethnische Dominanz festlegen" ist (Raddatz). Die Wirkung auf das Selbstbewußtsein liegt auf der Hand, das Wort Türke durch Deutscher ersetzt, würde, wenn nicht einschlägige Stellen, so doch jedenfalls heftige Mißbilligung durch entsprechende Medien alsbald auf den Plan rufen.

Dies alles aber will man in Berlin nicht wahrnehmen, indem man Ausflucht durch den Verweis auf die Einmaligkeit deutscher Vergangenheit schon als konstruktiven Ersatz für alle anders gearteten neuen Überlegungen nimmt. Denn natürlich gilt, wenn alles gleichermaßen für gültig erklärt wird, alsbald auch alles gleichgültig wird: Die Aufnahme eines Landes aus einem anderen Kulturkreis erscheint dann auch nur als ein rein technisches Problem. Zudem heißt nach Gefährdungen zu fragen, die willkürlich vorgenommenen politischen Entgrenzungen der in Berlin unverdrossen agierenden politischen "Elite" aufzuheben und das Phänomen "Islam" auf das nicht zu Europa gehörende Land Türkei zu begrenzen.

Nach einem von Banken entwickelten "Index der politischen Stabilität" plaziert sich die Türkei noch hinter der soeben von einer heftigen Staatskrise geschüttelten Ukraine und Usbekistan; nur Venzuela und Nigeria werden noch ungünstiger bewertet. Das Land, das sich bis zum Karlowitzer Frieden von 1699 bis vor die Tore Wiens erstreckte, ist längst zum ständig hilfsbedürftigen Kostgänger des Weltwährungsfonds (IWF) abgesunken, nachdem es durch seinen Pakt mit den Mittelmächten im töricht diktierten Frieden zu Se`vres im Jahr 1920 um die innere Balance zwischen politischer und religiöser Macht gebracht wurde. Damals entzogen zwar die republikanisch laizistischen Tendenzen eines Atatürk den Imamen den zuvor noch durchweg bestimmenden Einfluß, ohne daß dabei die nach europäischen Vorbild aber nur halbherzig eingeführten Reformen das allgemeine Lebensgefühl veränderten oder die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des einst aus der altaischen Völkerfamilie stammenden Turkvolkes nach oben geführt hätten.

Im Zweiten Weltkrieg enthielt sich die Türkei zunächst aller Kampfhandlungen und erklärte Deutschland erst 1945 auf Drängen raumfremder Mächte den Krieg. Und erhielt dann auf Grund seiner fortdauernden wirtschaftlichen Schwäche ununterbrochen Hilfe, um im Gegenzug und angesichts der politischen Neuverteilung der Macht über den Nordatlantik- und Bagdad- Pakt militärischen Schutz zu bekommen, der schließlich noch 1959 zu einem speziell nur mit den USA geschlossenen zweiseitigen Sicherheitsabkommen führte. Die Lage stand dabei Pate. Die strategisch äußerst bedeutsamen Dardanellen verhalfen dem Land während des Kalten Krieges zu einer einmaligen Konstellation, die auch unter den seit 1990 erneut veränderten Bedingungen und einer stets auch auf Rohstoffsicherung abzielenden Globalstrategie der USA ihre Gültigkeit beibehielt. Dabei richtete sich der amerikanische Blick naturgemäß insbesondere auf die militärische Elite des Landes, was zwangsläufig zu einer Verstimmung der Imame und ihrer längst grenzüberschreitend gezielt gestreuten muslimischen Impulse führte. Diese großpolitisch fixierte Ausgangslage zwischen der Weltmacht USA und der Türkei müßte nicht zwangsläufig deutsch- türkische Konflikte im Gefolge haben.

Tatsächlich haben insbesondere das Ausbleiben der Flüchtlinge aus der DDR nach dem Bau der Mauer 1961 zu einem immensen Mangel an Arbeitskräften in Westdeutschland geführt, der zunächst über die Arbeitslosenheere Italiens und anderer europäischer Länder ausgeglichen werden konnte. Dies schien zunächst nur bedingt problematisch, da die Angeworbenen sich aus einem Kulturkreis rekrutierten, der ohnehin aufeinander zugehen wollte.
Zudem war keineswegs daran gedacht, diese Gastarbeiter auf Dauer hier anzusiedeln. Doch da die Konjunktur blühte und zugleich die an manchen Universitäten gehegten Hoffnungen auf ein umstürzlerisch gesonnenes eigenes Proletariat ausblieben, fiel der Blick störbewußter Linkskartelle alsbald auf die nun angeworbenen Kräfte Anatoliens. Jenen Gruppierungen, die insbesondere destruktive Ziele, von wem auch immer auferlegt, innerhalb Deutschland verfolgten, konnten mit den bewußt erpresserisch gesetzten Verweisen auf den Nationalsozialismus die unselige Spirale von ungehemmter Zuwanderung und Nichtintegration, von "Bleiberecht" und "kultureller Autonomie" in Drehung gebracht werden, die zwangsläufig zur Ghettobildung und Ermunterung für kriminelle wie proislamische Aktivitäten führten, und in der Gegenwart allmählich zur Garotte für die Republik wird. Raddatz verweist hier insbesondere auch auf die Führungsschwäche der deutschen "Elite", die in ihrer oft törichten Mischung aus Ignoranz und "Gutmenschentum" und ihrer infamen Spekulation auf auswärtige Wählerstimmen keine neuen Schlüsse zu ziehen wagt. Bismarcks kritischer Verweis auf blauäugig verbreiteter Propaganda für idealistisch verbrämte Ziele, würde bei unseren Politikern wahrscheinlich nur verständnisloses Blinzeln auslösen. Der Reichskanzler hatte damals gesagt: "Ich habe das Wort Europa immer im Munde derjenigen Politiker gefunden, die von anderen Mächten etwas verlangen, was sie im eigenen Namen nicht zu fordern wagen".

Jene innere Schwäche findet ihre außenpolitische Entsprechung: Selbst wenn sich das "weltpolitische Laienpaar in Deutschland" (Raddatz) amerikanischen Druck beugen müßte (oder sich auch mit vorauseilendem Gehorsam gerne beugt), böte das breit zu beurteilende Instrumentarium der Außenpolitik hinreichend andere Möglichkeiten für militärische Eventualitäten und geschäftliche Ziele. Raddatz setzt auch mit bewußt gesetztem Nachdruck auf die mögliche Perspektive, in die uns unsere politisch Verantwortlichen zwingen könnten, da sie sich mit "abnehmender Finanzierbarkeit ihrer Utopien" und bestimmt durch "Vision, Praxis und Diktat, zunehmend letzterem" zuneigten.

Objektiv setzt die faktische Sprache der Becken ("Wir gebären euch kaputt!") der politischen Entgrenzung unserer bundesdeutschen "Elite" endlich eine finanziell unüberwindbaren Hürde, allerdings um den hohen Preis eines Staatsbankrotts: Anatolische Frauen liegen in der Gebärstatistik bei drei bis vier Kindern (deutsche bei 1,3 !), wobei die Hälfte aller hier lebenden Türken unter 25 Jahre alt ist. Jede dritte Ausländerfamilie mit drei Kindern und jede zweite mit vier Kindern ist eine türkische Familie. Die Gesamtfolgekosten freilich sind so gut versteckt, offenbar damit das Volk, "der große Lümmel", nicht unnötig aufgescheucht werde. Immerhin gilt aber, so Raddatz, der "Beitrag" der illegalen Ausländerbeschäftigung als gesichert: "Mit 350 Milliarden Euro betrug er 2002 etwa 16 Prozent des BIP", was dann in bestimmter Hinsicht ja auch als eine Großtat der Politik zu werten ist. Die Zahlen enthalten auch sonst wenig Tröstliches. Laut Bundesrechnungshof müssen 2004 genau 86 Prozent der Steuereinnahmen für Zinsen und Sozialausgaben aufgewendet werden - die Staatskrise ist also nahe! Am Ende könnte es sein, daß unsere volksferne "Elite in einer seltsam wirren Dialektik eine Verschmelzung des "so geschaffenen ´westtürkischen Vorpostens´" mit "dem Mutterland" vorbereitet hat, denn wie sonst sollte man etwa Angela Merkels euphorische Feststellung deuten: Die Türkei ist "ein wahnsinnig erfolgreiches Land"!

Hans- Peter Raddatz ist es gelungen, nicht nur ein fulminantes Kompendium zum Problemkreis Islam am Beispiel der Türkei als einer durch die Schwäche anderer Kräfte immer stärker werdende ethno- islamischen Nation zusammenzustellen. Er legt, dabei präzise wie ein Chirurg, das kranke Gewebe bloß, das mit destruktiver Energie, Tagträumerei und gehäuftem Dilletantismus die gesunden tatsächlichen Möglichkeiten und Chancen wirkungsvoller deutsch- türkischer Zusammenarbeit überwuchert. Raddatz führt am Ende seines überaus klug geschriebene Buches den französischen Religionsphilosophen Ernest Renan an, der einst geschrieben hatte: "Wesentliche Faktoren für das Entstehen von Nationen sind das Vergessen und der historische Irrtum". Dies gilt selbstverständlich auch im Umkehrschluß für das Vergehen von Nationen.



Der Rezensent K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"



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