A u t o r e n b e i t r ä g e


Rezension (Auftragsarbeit):

Werner Maser "Nürnberg /Tribunal der Sieger"
Edition Antaios, 476 Seiten, kartoniert, zahlreiche Abbildungen und Dokumente, ISBN 3- 935063-37-7. Preis 28,- Euro

von Klaus Peter Fischer


Rund 60 Jahre nach den in der fränkischen Metropole so spektakulär inszenierten "Nürnberger Prozessen" erlebt die Rückschau in Form des Buches "Nürnberg - Tribunal der Sieger" des Historikers Prof. Werner Maser eine außerordentlich beachtenswerte Renaissance. Das Werk, vor 30 Jahren erstmals verlegt und damals weltweit, auch in den Ländern der Siegermächte Aufsehen erregend, wurde nahezu einhellig als das erschöpfende Werk über "diesen umstrittenen Prozess der Weltgeschichte" ("Die Welt") gewürdigt. Die "Welt am Sonntag" hob damals in ihrer Besprechung besonders hervor, dass nunmehr "dieses Tribunal selbst vor dem Richterstuhl des Historikers" stehe. In der Tat schuf Werner Maser mit den Werkzeugen der historischen Wissenschaft auch eine Art von Universalschlüssel für die Historisierung nicht nur jenes Prozesses, sondern auch jener verhängnisvollen Epoche insgesamt, die immer noch im fahlen Lichtschein propagandistischer Überhöhungen und unwissenschaftlicher Tabuisierungen schimmert.

Je größer die Niederlage, desto ungünstiger der Friede - und, je größer die Anfangserfolge der Besiegten, desto stärker werden bei der letzten Abrechnung emotionelle Fakten in die Waagschale geworfen - diese nahezu banalen Maximen galten in der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte. Sie wurden daher auch 1945 nicht aufgehoben. Und sie lassen immer auch etwas erahnen vom Rachefaden des alten Adam, der sich blutrot durch alle Epochen zieht, und den Sieger mit der ihnen eigenen Selbstgerechtigkeit allemal als Strang zu nutzen wissen, an denen sie die Besiegten unter dem Jubel einer präparierten Menge aufzuknüpfen vermögen.

Doch die List der Geschichte duldet keine fortdauernden Triumphe: Mitunter kehrt sich die selbstherrlich ausgelegte Moralmeßlatte gegen das eigene Tun. Die hohen Maßstäbe der rigiden Ankläger von 1945/46 verfielen angesichts des Zustandes der heutigen Welt rasch, auch wenn für uns das immer noch feinmaschig geknüpfte Netz ausgebreitet bleibt, als sei seither keine Zeit ins Land gegangen. Schon in den frühen neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts registrierten die Statistiker eine größere Anzahl von Toten als sie der gesamte Zweite Weltkrieg aufwies: Gefallen auf den Schlachtfeldern von "regulären" Kriegen, Bürgerkriegen, Revolten, sekundiert von den Toten gezielter Vertreibungen, kalt kalkulierter Hungerblockaden und möglicherweise sogar von Menschenhand selbst verursachter Seuchen.

Gerade angesichts dieser nach Nürnberg verübten Verbrechen, versuchen Legionen von hoch bezahlten Schönschreibern die zuvor liegenden Geschehnisse trotz des inzwischen immens angewachsenen zeitlichen Abstandes auf immer neue Weise zu aktualisieren, als sei jene Epoche noch zu keinem Ende gekommen und unsere unleidliche Gegenwart friedfertiger, toleranter, humaner geworden. Die Sieger schrieben noch allemal die Geschichte, und es käme einem Salto mortale der menschlichen Natur gleich, sollte sich an dieser Grunderkenntnis etwas geändert haben.

Was mit dem Ausstreuen der Leichenasche der in Nürnberg Verurteilten in dem durch den Münchner Stadtteil Solln fließenden Cowentzbach endete, nahm im so genannten Washington- Pakt im Dezember 1941 seinen Anfang.

Damals erreichte der der um Rohstoffe und Einflusssphären in Asien geführte amerikanisch- japanische Konflikt mit den dubiosen Ereignissen von Pearl Harbour eine kriegsreife Qualität, die im Fortgang sogar noch den europäischen Krieg überdauerte und trotz der längst von Tokio ausgestreckter Friedensfühler erst durch die Abwürfe der ersten Atombomben aus Hiroshima und Nagasaki ein vorläufiges Ende fand.

In jenen folgenschweren Dezembertagen von 1941 dauerte der deutsch- sowjetische Krieg bereits sechs Monate an, über dessen Hintergründe, übrigens ebenfalls Werner Maser mit "Der Wortbruch / Hitler, Stalin und der Zweite Weltkrieg" (Olzog Verlag 1994) ein weiteres grundlegendes Werk zur Kriegsursachenforschung zu liefern vermochte.

Bewegten sich somit die damals zu Gericht sitzenden Siegerstaaten wegen ihrer eigenen Kriegsziele und Vertragsbrüchen auf extrem dünnem Eis, so war der völkerrechtliche Rahmen für ein Tribunal keineswegs dicker. Zwar räumten die Haager Landkriegsordnung von 1907 und die Abmachungen über den Seekrieg einen gewissen Schutz für Militärs und Zivilisten ein, sicherten aber zugleich den Bestand der inneren Ordnung besiegter Staaten und begrenzten die Besatzungszeiten der Sieger, aber kannten keinerlei moralische Invektive gegen den Krieg an sich.

Daher war das ius ad bellum, das Recht, Krieg zu führen, weder eingeschränkt noch geächtet, weshalb der 1919 im Rahmen der Pariser Vorortverträge gegen den deutschen Kaiser und namhafte Militärs erhobene Vorwurf "wegen schwerster Verletzung des internationalen Sittengesetzes und der Heiligkeit der Verträge" nicht schlüssig greifen konnte. Ganz abgesehen davon, dass die Alleinschuld an diesem Krieg keinesfalls in Berlin zu finden war.

Immerhin ermöglichten die Versailler Vertragsartikel 228 bis 230 tribunalähnliche Verfahren, wonach Verstöße gegen die "Gesetze und Gebräuche des Krieges" anzuklagen und sogar Auslieferungen an auswärtige Gerichte vorgesehen waren. Die verhängnisvollen Folgen der Pariser Vorortverträge mit ihren gravierenden territorialen Revisionen, ungeheuerlichen Geldleistungen, überstürzten Staatsneugründungen und grob einseitigen Schuldfixierungen sind heute allgemein bekannt, auch wenn sie von ihrer Wirkungsgeschichte zumeist immer noch nur stark abgeschwächt gewürdigt werden (Angesichts der angestrebten europäischen Vereinigung scheint der denkwürdige Umstand erwähnenswert, dass ausgerechnet mit der deutschen Vereinigung von 1990 nach einer Mitteilung des Bundesfinanzministeriums auch die Zahlungen aus dem Versailler Vertrag mit aufgelaufenen Zinsrückständen wieder aufgenommen werden mussten. Die Abzahlung dauert noch bis zum Jahr 2012). Wie hatte es einst Bundespräsident Heuss formuliert, der Schlüssel für die Heraufkommen des Nationalsozialismus läge in Versailles.

Ist dies der äußere Rahmen, auf dessen Hintergrund Nürnberg stattfinden sollte, so hatte der Historiker Werner Maser nun das Prozessverfahren, das präsentierte Beweismaterial und insbesondere die Beschuldigten selbst zu skizzieren. Es spricht für die Qualität des Forschers, dass er aus der Überfülle der Personen, Dokumente und des vorgegebenen historischen und rechtlichen Rahmens für den Leser die Anschaulichkeit des Verfahrens sorgfältig zu wahren weiß, ohne dabei weder das wissenschaftliche Fundament zu verlassen noch der Versuchung zu unterliegen, sich in populären Details zu verlieren. Hierzu gehört zweifellos auch, dass die nunmehr vorliegende und vom Antaios- Verlag besorgte Neuauflage nahezu unverändert bleiben konnte. Nicht aus Respekt vor einem einmal vor Jahrzehnten verfasstem Werk, sondern aus der Breite und Tiefe von Masers Ansatz, auf knapp 500 Seiten schlüssig ausbreiten zu können "Wie es war". Ob jemand aus der nachgewachsenen Zunft der Historiker noch diese nicht eben gefahr- und mühelose Gratwanderung zwischen nationaler Geschichtsschreibung, konsequenter Wissenschaftlichkeit und jenseits politisch erwünschter Parteinahme mit jener außerordentlichen Wissensfülle noch zu vollziehen mag, muss sehr bezweifelt werden.

In seinen klug gewählten exemplarischen Auszügen aus Verhörprotokollen weiß Maser ein anschauliches Bild jener Angeklagten zu zeichnen, die für ein gutes Jahrzehnt die Geschicke des Landes zu markieren wussten: Da ist Hermann Göring, der durch eine nicht ausgeheilte Kriegsverwundung zum labilen, entscheidungsscheuen Morphinisten geworden war, der nun durch Zwangsentzug zu neuer Form in seiner Verteidigung aufläuft, sodass er den amerikanischen Ankläger Justice Jackson in Bedrängnis bringt. Der Streit hatte sich an der Besetzung des bis 1935 entmilitarisierten Rheinlandes entzündet, bei dem Frankreich vertragswidrig einen Pakt mit Sowjetrussland geschlossen hatte.

Da ist Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsstabes, der in seinem Verhör auf den Stand der militärischen Aufrüstung Deutschlands eingeht: "Als wir im Jahr 1936 35 Divisionen aufstellten, besaßen Frankreich, Polen und die Tschecho- Slowakei 90 Friedensdivisionen und 190 Divisionen im Kriege". "Und wenn wir nicht schon im Jahr 1939 zusammenbrachen, so kommt es nur daher, dass die rund 110 französischen und englischen Divisionen im Westen sich während des Polenfeldzuges gegenüber den 23 deutschen Divisionen völlig untätig verhielten".

Maser verifiziert diese und andere Aussagen mit den Mitteln der Historie später und kommentiert: "1939 war Deutschland auf einen längeren Krieg nicht vorbereitet, auf einen Angriffskrieg - selbst gegen eine vergleichsweise kleine Macht - schon gar nicht". "Bis September 1939 gab es in keinem deutschen Wirtschaftszweig eine Produktion, die Kriegsvorbereitungen ahnen ließ".

Obwohl, so Maser, der "Prozess Details und Zusammenhänge zutage gefördert hatte, gegen die gegenteilige Argumente mehr als nur machtlos sein mussten", schien keiner der Angeklagten endgültige Klarheit über das zu erwartende Urteil zu besitzen. Als schließlich die Todesurteile gesprochen werden, erhofft sich Keitel die Gnade Soldatentodes durch die Kugel. Doch die wird ihm genauso verweigert wie Alfred Jodl das Gnadengesuch, das die Westalliierten in der Hoffnung erwogen hatten, sich des militärischen Fachwissens des Chefs des Wehrmachtsführungsstabes zu versichern. Doch das scheiterte am Veto jener Macht, die nicht nur das Blutbad von Katyn zu verantworten, sondern auch entscheidend die Weichen für den Zweiten Durchgang in Europa gestellt hatte. - der gerade beendete heiße Krieg fand seinen Fortgang durch den kalten!

(Der Rezensent ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR",
Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein")


Der Rezensent K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"



Seitenanfang