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A u t o r e n b e i t r ä g e
Rezension:
Margarete v. Schnehen (Zusammenstellung): Im Strom der Zeit / Familienschicksale im Elb- Havelland
Verlag Klein Schneen 2004, 37133 Friedland, Thiesstraße 18, 240 Seiten, Leinen, Schutzumschlag, zahlreiche Fotos und beigelegte Karten, Preis 48,- Euro.
von Klaus Peter Fischer
Der sowjetische Offizier winkte ab und ließ durch die Dolmetscherin sagen: "Kützkow wieder in die Hand zu bekommen, ist unmöglich. Sie müssen sowieso schon bald wieder weg, alles Land gehört dem Volk!" Wie dem so beschiedenen Besitzer des Rittergutes Kützkow, Hermann von Schnehen, erging es Tausenden auch; häufig verloren sie sogar schon lange vor der später euphemistisch "Bodenreform" genannten Enteignung Grund, Boden und Recht; das Ziel war längst formuliert.
Die dann 1945/46 erfolgte Austreibung der Besitzer von über 100 Hektar großen Gütern aus der mitteldeutschen Region fußte auf einer ominösen "Verordnung über Bodenreform" vom 3. September 1945. Diese Verordnung entsprach weder der mitteleuropäischen Rechtspraxis, noch deckte sie sich mit dem Völkerrecht und der Haager Landkriegsordnung, die ausdrücklich die Achtung ziviler Bereiche vorsah. Sie verstieß auch gegen die in Potsdam getroffenen Vereinbarungen, die das besiegte Deutschland immerhin noch als wirtschaftliche Einheit erhalten wissen wollten.
Hinter dieser machtpolitisch verordneten Tragödie verbergen sich naturgemäß die dramatischen Schicksalsgänge ausgetriebener und enteigneter Familien, die nun Margarete von Schnehen unter dem Titel "Im Strom der Zeit / Familienschicksale im Elb- Havelland" zusammengestellt und mit zahlreichen Dokumenten, Landkarten und Fotos ergänzt hat. Der im Titel vorgegebene regionale Rahmen engt dabei den Blick auf jene Ära keineswegs ein, sondern liefert pars pro toto ein Abbild jener unmittelbaren Nachkriegsära exemplarisch für alle jene aus anderen Schichten, die ebenfalls in das erbarmungslos sich drehende Mahlwerk einer umbrechenden Zeit geraten waren und die in ihren extremsten Formen allenfalls noch mit der blutigen Austreibung der Bevölkerung aus den deutschen Ostprovinzen vergleichbar scheint.
Nach dem Ende eines jeden Krieges treten bekanntlich deutlicher als zuvor die tatsächlichen Motive für die geführte Auseinandersetzung hervor: In der Neuzeit sind dies allemal die wirtschaftliche Schwächung des Besiegten, d. h. man versichert sich dessen bisheriger Absatzmärkte, Rohstoffe und Agrarprodukte.
Dazu gehört auch der Zugriff auf die Führungsschicht, auf deren Wissenschaftler, Ingenieure, Facharbeiter und auch auf deren Patente und Erfindungen sowie ihrer perspektivischen Planungsmodelle.
Noch stärker als die westlichen Sieger verfolgte die Sowjetunion neben wirtschaftlichen Zielen auch noch scheinrevolutionär gewandete ideologische Absichten. Auf Lenins früh gestellte Frage "Was tun?" gab es nun die aktuelle Antwort mit dem Kampfmotto "Wer wen?", das sich nunmehr auf das besetzte und in Interessensphären geteilte Kernland des Kontinents erstreckte. Seit sich die Sieger zerstritten hatten, drohte ständig der Kalte Krieg in einen heißen umzuschlagen. Anlass dazu lieferten insbesondere die finanzpolitischen Vorstellungen der USA, wie sie in Bretton Woods mit dem Dollar als weltweiter Leitwährung gefasst wurden, denen sich Stalin um den Preis jenes Stellvertreter-Krieges zu entziehen suchte.
Dieser allmählich sich global ausweitende Konflikt mit jeweilig zwangsweiser Unterordnung aller kleineren, weniger mächtigen Staaten zu den beiden Supermächten lieferte als List der Geschichte für die Deutschen in den Westzonen als Paradox die Duldung von Freiräumen, in deren Windschatten sich überraschend schnell die "soziale Marktwirtschaft" mit ihrem Wirtschaftswunder entwickelte, deren Niedergang wir dank einer weithin unfähigen politischen Führungsschicht in diesen Jahren erleben dürfen.
Jene Frontlinien, die nunmehr mitten durch Deutschland und den Kontinent verliefen, erzwangen von den Siegern damit auch eine zunächst noch zaghafte Zusammenarbeit mit den bisherigen Schichten, die sich nicht zuletzt unter dem Eindruck wirtschaftlicher Zwänge den neuen Gegebenheiten beugen mussten. Die seinerzeit oft spöttisch erwähnte Alternative etwa für Redakteure erlaubte die Variation zur Gretchenfrage: "Wollen Sie ab jetzt Zeitungen austragen oder aber wieder an ihnen entscheidend mitarbeiten?" Sie galt damals analog für fast alle Berufe.
Für die östliche Gegenseite aber waren nur die (wenigen) "Fahnenflüchtigen" der alten Schichten willkommen, die anderen gerieten unversehens getreu den Moskauer Denkschablonen zu Klassenfeinden, die konsequent zu bekämpfen waren. So kamen auch früh die bodenständigen Agrarier nach dem Sowjetmuster in den Blick der Klassenkämpfer, an deren Anfang die öffentliche Diffamierung stand. Die Opfer der "Bodenreform" wurden alsbald als bloßes "Unkraut" geächtet, das man, wie es auf einschlägigen Plakaten unmissverständlich formuliert war, "ausrotten" musste.
Dabei war kundigen Fachleuten jenseits ideologischer Scheuklappen sofort klar, dass die durch die "Reform" eingetretene Parzellierung des Bodens weder die Hektarerträge noch auf andere Weise die Wirtschaftlichkeit der enteigneten Höfe steigern würde. Die sowjetische Vorgabe mit ihrem Kampf gegen das "Kulakentum" und den Hungersnöten mit Millionenopfern in den 20/30er Jahren war in schauriger Erinnerung gegenwärtig, nicht zuletzt auch durch die tiefen Einblicke deutscher Kriegsteilnehmer in die Wirklichkeit des nunmehr sich so überhöht darstellenden Sowjetparadieses.
Agrarpolitisch war also diese "Bodenreform" wenig sinnvoll, auch größere Gerechtigkeit im Sinne sozialistischer Gleichheitsvorstellungen schuf sie nicht. Umgekehrt aber bedeutete die Vertreibung der Besitzer Verzicht auf unersetzliche agrarische Erfahrung, wie sie nur durch langjährige Bindung an die heimische Scholle entstehen kann.
Nicht zuletzt deswegen strickten denn auch die Sowjetische Militäradministration (SMA) mitsamt ihren willigen deutschen Sackträgern von KPD/SED demagogische Thesen, wonach die "Güter und Besitzungen der Junker, Grafen und Fürsten" schon "immer die Brutstätten der Reaktion und des Militarismus" waren, weshalb das "neue, demokratische Deutschland die Junkerherrschaft brechen muss für alle Zeiten, als Voraussetzung für den Aufstieg des deutschen Bauerntums".
Doch diese dem Zeitgeist verpflichteten Kriegsschuldzuweisungen sollte nur den brutalen Rechtsbruch legitimieren, ansonsten blieb die Behauptung vom "Aufstieg des deutschen Bauerntums" bloße Phrase. Endeten diese Prophezeiungen doch bald damit, dass die auf schräge Weise zu Land gekommenen Neubauern, häufig Vertriebene aus Ostdeutschland, alsbald selbst diesen Grund wieder zugunsten sozialistischer Utopien ebenfalls preisgeben mussten.
Margarete von Schnehens überaus lesenswerten, teilweise sehr private Zusammenstellungen von Schicksalen namhaften Familien aus dem Elb- Havelland liegt nun gewissermaßen eingebettet unterhalb des hier nur knapp umrissenen machtpolitischen Daches, das Deutschland überwölbt, und gerät trotz der noch im Klappentext beschworenen gegenteiligen Absicht zu einem Zeitzeugnis besonderer Art.
Zeichnet doch jener "Strom der Zeit" am Beispiel jener in der Provinz Sachsen lebenden Familien ein unbestechliches Gemälde jener umbrechenden Zeit, deren Folgen noch immer überdeutlich in den kümmernden neuen Ländern sichtbar sind.
Hier liefert das von der Autorin zusammengestellte Material über die Lebensgänge jener angeführten Familien, die von Krieg, Gefangenschaft, Enteignung und Flucht bis hin zu mühseligem Neubeginn gezeichnet sind, die Sicht auf jene Epoche deutlicher, blutvoller und lebenspraller als viele historische Untersuchungen dies könnten. Zumal die (ohnehin wenigen) öffentlich geförderten Studien über diese Problematik immer im Banne parteipolitischer Ziele blieben, der Beschwichtigung der Wähler dienten und - 1989 -, als die Stunde der Wahrheit heraufzog, über Nacht zu dem gerieten, was sie zuvor schon waren: Makulatur.
Zugleich durchbricht diese Darstellung zunächst wahrscheinlich ungewollt ein ganz anderes Tabu: Namen, Wollen und Werden jener Adelsfamilien, die wie selbstverständlich zu unserer Geschichte gehören, und die deshalb auch aus Militär, Wissenschaft, Kunst und Diplomatie nicht wegzudenken sind, traten nach 1945 weit in den Hintergrund, allzu weit. Das begann mit dem Verbot des Landes Preußen 1947, bei dem nicht zuletzt bei aller sonstigen Feindschaft der Alliierten untereinander just in diesem Punkte Einigkeit herrschte, und jenem generellen antipreußischem Vorbehalt im Inneren, der sich aus anderer regionaler Herkunft, Konfession und politischem Vorurteil mitsamt seiner Indifferenz gegenüber der Rechtsproblematik der Enteigneten insgesamt bis auf den heutigen Tag gleichsam parasitär speist.
Margarete von Schnehens überaus aufwendige Zusammenstellung mit den auch literarisch anspruchsvoll skizzierten Erinnerungen wird neben der Zeugnisschaft über jene Nachkriegsära wahrscheinlich auch später einmal als eine erste, bedeutsamere Rückmeldung jener Schicht in unsere Geschichte gewertet werden, die nach dem Zusammenbruch von 1945 bewusst ins Abseits gedrängt wurde. Fast so, als müsste sie jene merkwürdige taoistische Dialektik bestätigen, die nach dem Motto wirkt: "Was du klein halten willst, wird groß".
Man darf auf den von der Autorin in Aussicht gestellten 2. Band mit dem Titel "Der vertriebene Mittelstand - verlorene Arbeitplätze" äußerst gespannt sein. Er bietet Beiträge von namhaften Unternehmern aus Mitteldeutschland, die nach 1945 in Westdeutschland erfolgreich wirkten sowie Texte von Prof. Dr. Karl Döring, Völkerrechtler, Prof. Dr. A. de Zayas, ebenfalls Völkerrechtler, Generalsekretär des PEN International, und Karl Feldmeyer, Frankfurter Allgemeine, die diese Beiträge in einen rechtlichen und politischen Zusammenhang zu stellen suchen.
Der Kommentator und Publizist K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"
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