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A u t o r e n b e i t r ä g e
Rezension (Auftragsarbeit):
Stefan Scheil: "1940 / 1941 - Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs"
Olzog Verlag, München 2005, 450 Seiten, ISBN 3-7892-8151-4, Preis 34,00 Euro
von Klaus Peter Fischer
Durchaus passend zum historisch bedeutsamen Zeitpunkt 17.Juni, erschien in der "FAZ" ein Beitrag aus der Feder des Historikers Stefan Scheil unter dem denkwürdigen Titel "Mitteleuropäische Gedankenspiele nach Versailles". Denkwürdig in durchaus sehr verschiedener Hinsicht: Da ist erstens der sonst gern kurzerhand nach Westeuropa verlagerte geographisch korrekte Bezug unseres Volkes auf das Zentrum des Kontinents, dann taucht jener mit den folgenschwersten Ereignissen verknüpfte Name Versailles auf, der, wie es in der Unterzeile steht, "das Dilemma der Republik Polen im internationalen System der Zwischenkriegszeit" beleuchten soll, und endlich wirkt das irgendwie in diesem Zusammenhang geradezu leichtfertig eingefügte Wort "Gedankenspiele" ketzerisch. Als sei unter diesem seit Jahrzehnten mit viel Fleiß und Hingabe so sorgfältig bearbeiteten Geländes noch Gänge des Geistes abweichend von der großen Heerstraße möglich.
Während beamtete oder sonst wie vertraglich begünstigte Zunftkollegen je nach Aufgabe die von Klio ausgelegten erratische Blöcke übersahen, mit Vorsicht umgingen oder kurzerhand als liebliche Täler ansahen, nahm Stefan Scheil genau jenes zunfteigne Motto "Wie es war?" in den Blick. Er kam schnell, reich und schwer beladen, von dieser gar nicht so schweren Arbeit zurück. Sein Schatz hieß Wahrheit. Und das Binde- und Lösewort: Interessen.
Der vergleichsweise an Jahren noch junge, an kühner Geschichtsschreibung geradezu wie aus einem früherem Jahrhundert stammende Historiker hat sich bereits mit "Logik der Mächte" und "Fünf plus Zwei" bleibend in die Annalen deutscher Historie eingeschrieben. Nun hat er mit "1940/1941 - Die Eskalation des Zweiten Weltkrieges", erschienen im angesehenen Münchner Olzog Verlag, einen weiteren wuchtigen Baustein auf den immer unbestellten Grund der Zunft gelegt, der, wenn er zukünftig nicht vollständig ignoriert wird, zum Eckstein des Anstoßes für die Hofhistorie zu werden scheint.
Warum? Weil Scheil allen am Krieg beteiligten Mächten Interessen unterstellt, nicht hehre Absichten von Befreiung, Menschheitsbeglückung und Weltfrieden. Im großen Gang der Völker und Mächte geht Eigennutz noch allemal vor den Gemeinnutz einer sonst nicht zu greifenden und zu deutenden Menschheit. Und er schafft mit diesem Kniff unversehens klarere Bilder, vertreibt den Nebel, der den Blick trübt und das Atmen schwer macht. Was sind eigentlich in der Politik Interessen?
Ein Rückgriff außerhalb der Scheilschen Argumentationsebene am Beispiel des seinerzeit spektakulär wirkenden "Zarenmanifestes" von 1898 soll dies illustrieren: Ende August jenes Jahres ließ Zar Nikolaus II. allen am Hof beglaubigten Diplomaten das von Sergej Witte entworfene Papier über die "erste moderne Abrüstungs- und Friedenskonferenz" zukommen. Darin wird "die Erhaltung des Friedens als das Endziel" proklamiert", um endlich den "großen Gedanken des Weltfriedens triumphieren zu lassen". Jahre später nannte Witte diese Aktion "eine der gelungensten Mystifikationen der Weltgeschichte", denn der Hintergrund war die angestrebte Umrüstung der österreichischen - Artillerie gewesen! Diese Entmystifizierung lässt sich noch weiter von anderen Interessenlagen her verfolgen: Zunächst sollten durch ein Sonderabkommen mit Wien diese folgenreiche Umrüstung durchkreuzt werden, weil sie Russland in den Zugzwang eigener Umrüstung gebracht hätte, was wiederum Milliarden Rubel aus der Staatskasse gekostet und dabei zugleich den Kredit für die gerade im Bau befindliche Transsibirische Eisenbahn gefährdet und somit die russische Kreditwürdigkeit bei den Westmächten Frankreich und Britannien überhaupt in Zweifel gezogen hätte.
Unterstützung fand übrigens dieses russische Projekt, um weiterhin beim Thema Interessen zu bleiben, verständlicherweise beim niederländischen Außenminister. Natürlich, einem kleinen Land dünkt auch noch das kleinste Artilleriekaliber nicht ganz geheuer!
An und für sich sind also Interessen eine Binsenwahrheit und eine grundsätzliche Gegebenheit: Alle Nationen besaßen welche. Das Deutsche Reich besaß welche. Es wollte den Versailler Vertrag (Für den wir übrigens seit 1990 wieder monatlich abzahlen müssen, nachdem die Zahlungen zuvor zwischenzeitlich eingestellt waren, was ja an und für sich eine Extraausgabe der FAZ wert wäre?) und die anderen Pariser Vorortverträge rückgängig machen. Frankreich besaß Interessen. Es wollte mit den durch jene Vorortverträge eingeheimsten Goldschatz eine Rolle auf dem internationalen Markt spielen, was wiederum den USA nicht schmeckte, weil sie nach den Zwischenspielen in Mexiko just den europäischen Markt entdeckt hatten, und ihn nach dem wirtschaftlich so ertragreichen Ersten Durchgang durchaus noch für ausbaufähig hielten.
Außerdem gab es für die USA da die nur noch äußerlich glanzvoll bestehende Weltmacht Großbritannien, die bei den US-Banken hoch verschuldet aus dem Ersten Krieg hervorgegangen war, und eben deswegen nur noch geringen Spielraum besaß, den schließlich Churchill auf seine Weise auszufüllen wusste. Darin auf andere Weise vom Ziel her einig mit Indien, das den andauernden imperial-kolonialistischen Klammergriff Londons immer schwerer ertrug.
Interessen also, wohin man sieht! Warum sind sie bisher nur so selten in den Mittelpunkt historischer Abhandlungen gestellt worden? Denn diese zu untersuchen, sie in ihren Wechselbeziehungen zu Nachbarstaaten zu qualifizieren, das gehört eigentlich zum Graubrot, zur Hauptnahrung der Zunft.
Doch die Zunft kann bekanntlich auch anderen Interessen unterliegen. Insbesondere nach verlorenen Kriegen gerät sie in Bedrängnis. Ein Sieger möchte immer makellos dastehen, uneigennützig erscheinen. Ein Heger ehrwürdigster Traditionen sein, kurzum zum unantastbaren Friedensengel werden, der allein das milde, goldgelbe Licht universaler Liebe verstrahlt.
Da müssen dann die erbeuteten Geheimarchive schnell zurück in die dann wieder unzugänglichen Tresore, die Wissenden umgedreht oder ausgeschaltet werden. Redakteure finden sich unversehens vor die Frage gestellt, ob sie zukünftig die Zeitung nur austragen oder an ihr wieder, wenn nunmehr selbstverständlich mit entgegen gesetzten Intentionen entscheidend mitarbeiten wollen, Autoren müssen bereits kurz vor der Schlussredaktion stehende Manuskripte in die Schublade zurücklegen und neue Bogen einspannen.
Das ist nicht eben neu in der menschlichen Geschichte, aber immer auch wieder erfrischend zu beobachten, wie die verbogene, gequetschte Wahrheit, wie ein unter dem Asphalt kümmernder Löwenzahn sich doch den Weg durch feinste Risse nach oben zum Licht erobert und mit seiner goldgelben, sonnenähnlichen Blüte letzten Endes doch über den Schatten zu triumphieren vermag.
Dass Ganze ähnelt einem hermetischen Experiment, das sich an einem einfachen Einmachglas aus Großmutters Kellerregal anschaulich beobachten lässt: Frische Luft zerstört die eingeweckten Früchte. Sind sie konserviert, bleiben sie unzugänglich. Vorerst! Denn das Tröstliche, eines Tages wird der Gummiring porös. Will heißen: Es gibt eigentlich kein Mittel, den Durchbruch der Wahrheit auf Dauer zu unterbinden.
Zurück zu den Interessen, die uns mit Scheil in das Nürnberg der Nachkriegszeit führen. Dort sollte mit einem Rückgriff in das bereits nach 1918 ebenso erfolgreich wie folgenschwer bemühte Alleinkriegsschuldregister des Versailler Vertrages der moralische Schlussstein durch die Sieger des Zweiten Durchgangs eingesetzt werden.
Hohe Zeit für die Interpreten der blutigen Geschehnisse, dieser am 9. November (!) 1945 gefassten Absicht einen Rahmen zu geben, durch den ungebrochen mildes Licht auf die Sieger und ein andauernder Bannstrahl auf die Verlierer fallen sollte.
Die britische Regierung plädierte zunächst aus einsichtigen Gründen für die knappe Lösung: Sie wollte kurzerhand den spärlich verbliebenen Rest der Regierung erschießen lassen, wohl vor allen Dingen auch, um unliebsame Zeugen stumm zu machen und die festländische Elite dauerhaft zu schwächen. Anders die amerikanische Absicht, die auf eben jenes Gerichtsverfahren aus war, das bereits global dimensionierte Absichten einschloss: Galt es doch das Trümmerfeld des Empire ebenso wie die zerschlagene Mitte Europas zu beerben und auf eine Art von Weltrepublik unter den Fittichen des Seeadlers vorzubereiten.
US-Chefankläger Robert H. Jackson fühlte sich dabei auf der sicheren Seite, denn anders als England hatte das Deutsch Reich in einem erneuten Anflug von Nibelungentreue gegenüber Japan den USA den Krieg erklärt. Über die vorher ausgelegten Stolpersteine der unrechtmäßigen Lieferung von Kriegsmaterial und Verletzungen völkerrechtlich verbindlich festgelegter Seekriegsvereinbarungen, hoffte man einigermaßen glimpflich hinweg zu kommen.
Bedenken kamen dem Beauftragten Jackson nur bei seinen Bundesgenossen: "Die Deutschen werden mit Sicherheit unsere drei europäischen Alliierten anklagen, eine Politik verfolgt zu haben, die den Krieg erzwungen hat. Das sage ich, weil die sichergestellten Dokumente des Auswärtigen Amts, die ich eingesehen habe, alle zum selben Schluss kommen: ´Wir haben keinen Ausweg; wir müssen kämpfen; wir sind eingekreist; wir werden erdrosselt.´ Wie würde ein Richter reagieren, wenn es zum Prozess kommt?"
Jackson befürchtete, dass in seinem Heimatland, das nur widerwillig und erst durch außerordentlich raffiniertes Manövrieren Roosevelts sich in "irgendwelche europäische Streitereien" hineintreiben ließ, innenpolitisch "unendlicher Schaden entstehen" könne. Dies musste bei den zuvor gefassten Entschlüssen zwangläufig dazu führen, dass in Nürnberg, so Scheil, "eine Diskussion über die Kriegsursachen schlicht verboten wurde. Es kam nichts von der Kriegspolitik der Westmächte, Polens oder der UdSSR heraus". Das Haifischbecken der Welt verwandelte sich so unversehens zu einem stillen Goldfischteich, in dem nur ein einziger räuberischer Hecht sein Unwesen trieb.
Der sowjetische Außenminister Andrej Wischinsky hatte in seinem Reisegebäck für Nürnberg eine gleich neun Punkte umfassende Liste, die in der fränkischen Metropole nicht zur Sprache kommen sollten: Sie bezog sich auf das Verhältnis der UdSSR zum Versailler Vertrag, den Lenin bekanntlich noch als "imperialistischen Raubfrieden" gegeißelt hatte, den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und alle damit im Zusammenhang stehenden Probleme mit Polen, dem Baltikum, den türkischen Meerengen usw., die Außenpolitik der SU überhaupt und deren ideologische Ausrichtung.
Damit war die Sowjetunion eigentlich aller Probleme ledig, die sie belasten konnten: Weder die Besetzung des Baltikums, noch der sowjetisch- finnische Krieg, weder die Besetzung von Teilen Polens, noch der Belgrader Putsch, weder die Mordtaten von Katyn, die sich gegen die militärische Elite Polens richteten, noch der Angriff auf Japan kamen trotz eines bestehenden Nichtangriffspaktes zur Sprache.
Hie makellos: die Sieger, dort gebrandmarkt und schwarz markiert: die Verlierer. Dieses Ziel konnte nur durch rigide Konsequenz erreicht werden, weshalb der US-Geheimdienstchef W. Donovan meinte, Kläger Jackson interessiere nicht juristischer Formelkram, er "wolle nur Nazis hängen".
Zynische Berater im Hintergrund dachten aber gleich noch mehrere Schritte weiter: Über Tote wächst bekanntlich bald Gras, weshalb man darauf verfiel, langjährige Haftstrafen auszusprechen, womit der Prozess der "Vergangenheitsbewältigung" im Bunde mit den immer noch bestehenden Feindstaatenklauseln lange durch die Zeit geschoben werden konnte. Eine entscheidende Figur, die in Spandau lange Zeit einsaß, war R. Hess mit seinem rätselhaften Englandflug, von dem Scheil ebenfalls Erstaunliches zu berichten weiß.
Er bezieht sich dabei insbesondere auf den englischen Historiker und Geheimdienstmann Martin Allen, der in dem Buch "Friedensfalle" ausführlich darüber berichtet, wie der Geopolitiker Prof. Karl Haushofer, bei dem Hess in München studiert hatte, zusammen mit dessen Sohn Albrecht Haushofer, selbstverständlich nicht ohne Berliner Rückendeckung, Verbindungen nach England knüpfte, um den Krieg zu beenden. Dabei hatte Albrecht Haushofer mit dem englischen Botschafter in Spanien, Samuel Hoare, gesprochen. Gegenstand war der Rückzug der deutschen Truppen aus Norwegen, Dänemark und Frankreich, wohl auch um der höheren Idee Europa wegen, deren kraftvolle und kulturell prägende Fortexistenz freilich nur mit den souverän agierenden Hauptmächten Deutschland. England und Frankreich denkbar waren.
Dies passte, wie Scheil schreibt, wenig zu den sonst so gerne unterstellten deutschen "Welteroberungsplänen" noch zu den Zielvorstellungen außereuropäischer Mächte, weshalb die Haushofers im Sommer 1945 auf ihrem Hartschimmelhof oberhalb des Ammersees Besuch vom OSS erhielten, der die in umfangreiche Akten dokumentarisch belegbaren deutschen Friedensbemühungen auf einem Lastwagen abtransportierte und nach Washington zur Überprüfung schickte, wo sie - "für alle Zeit verschwanden".
Nunmehr glaubte man sich von der Anklägerseite her in Nürnberg auf sicherem Grund, doch dann präsentierte die Verteidigung ein neues Dokument, aus dem hervorging, dass die offiziell verbreitete Heß-Version über den Hintergrund des England-Fluges nicht mehr schlüssig war: Dr. Alfred Seidl, Verteidiger von Heß (und Hans Frank), später Innenminister Bayerns, brachte erneut die Friedensbemühungen seines Mandanten als Zeuge ins Gespräch, weshalb die Haushofers abermals Besuch hielten, diesmal vom britischen Geheimdienst.
"Zwei Beamte", schreibt Scheil unter Nutzung der Quelle Martin Allen, "suchten ihn auf und berichteten bald darauf an Ivone Kirkpatrick, einem hohen Beamten des britischen Außenministeriums, der mit dem Fall Heß betraut war: `Als Antwort auf Ihre Instruktionen teilen wir Ihnen mit, dass das Problem, das mit diesem Mann und dem Internationalen Militärgerichtshof zusammenhängt, aus dem Weg geräumt wurde`. In der Tat waren diese beiden Beamten dann wohl die letzten, die Haushofer lebend gesehen hatten."
Was sich nicht sofort aus diesen hintergründigen Vorgängen herauslesen lässt, ist die Tatsache, das auch die Kontakte der Haushofers zu Samuel Hoare und anderen Londoner Repräsentanten nur eine weitere Kriegslist waren, um das kurz vor dem Zusammenbruch stehende Inselland durch in Aussicht gestellte Friedensverhandlungen zu entlasten und auf den "Angriffswillen der UdSSR" zu setzen. In London wurde nicht ernsthaft auf eine Friedenslösung für Europa gesetzt, und der mit einer Amerikanerin verheiratete Churchill sah wohl in Übersee eher die Morgenröte einer anderen Zukunft aufschimmern als in der Festigung des durch den Ersten Weltkrieg bereits schwer erschütterten Kontinents. Daran änderte auch sein offenbar nur wahltaktisch angestimmter Klagegesang nach dem Zusammenbruch über das angeblich falsche Schwein, das geschlachtet wurde, wenig. Das Empire mitsamt dem europäischen Festland lag in Trümmern, und die Erben versuchen daraus einen goldenen Tempel zu zimmern.
Es gehört in diesen Zusammenhang, dass nicht nur die "England-Fraktion" um Heß mit diesen Verheißungen auf Frieden überlistet wurde, sondern auch weite Teile des widerständischen militärischen Flügels. Unmittelbar nach dem 20. Juli 1944 wurden mit deutlich diffamierender Absicht die Namen aller Beteiligten, die über verborgene Kanäle treuherzig in London ihre umstürzlerischen Absichten mit der Hoffnung auf eine antinationalsozialistische deutsch- englische Allianz bekundet hatten, über den britischen Sender BBC verlesen, obschon der Umfang der beteiligten Personen für die deutsche Abwehr noch gar nicht überschaubar war. Die deutschen Behörden brauchten nur noch abzuhaken, wer über BBC angeführt wurde und wen sie noch nicht auf ihrer Fahndungsliste hatten. Für die britische Seite war jeder Verhaftete einfach nur ein weiterer ausgeschalteter Kriegsgegner aus der deutschen Elite. Dies erscheint schon allein deswegen schlüssig, weil die militärische Widerstandselite immer von deutschen Grenzen ausgegangen war, wie sie vor dem Ersten Weltkrieg bestanden, Österreich sollte selbstverständlich beim Reich bleiben, womit gerade jene Autarkie beibehalten und verstärkt worden wäre, um derentwillen die in dieser Hinsicht unerbittliche Gegenseite erst auf den Plan getreten war. Interessen auch hier, die Scheil in die Bilder aus deutscher und europäischer Vergangenheit bringt.
Ist die Interessenlage der Westmächte damit markiert, die um 1938/39 sich entwickelnde Konstellation fachte nur ihre Begehrlichkeiten weiter an, so darf selbstverständlich die Macht nicht unerwähnt bleiben, die mit ihren gewaltsamen politischen Umbrüchen von 1917 nicht nur im Inneren, sondern mit ihren blumigen Verheißungen für die sozial benachteiligten Stände globale Hoffnungen zum Zwecke eines revolutionären Umsturzes zu wecken trachtete: die Sowjetunion. Ihr Internationalismus, scheinbar uneigennützig, aber für das Gelingen der Weltrevolution als unerlässlich angesehen, hatte sich seit den Tagen Lenins bereits auf Berlin konzentriert. Lenins Blick auf die Pariser Vorortverträge, als "imperialistischer Raubfrieden" gebrandmarkt, ließ bereits erkennen, dass man auch mit einem marxistischen Schlüssel die Tür zur Interessenlage anderer Mächte zu öffnen imstande war.
Es kam jetzt nur darauf an, die bestehenden Rivalitäten der kapitalistisch inspirierten Westmächte so zu lenken, dass sie erneut ihren Blick auf die sich gerade regenerierende Macht in der Mitte des Kontinents warfen, um als zunächst beobachtende Randmacht die sich bei einem Krieg allmählich erschöpfenden Mächte zu beerben. Stalin war im machiavellistischen Vokabular durchaus zuhause, und wie Klaus Hildebrand in "Das vergangne Reich" zutreffend urteilt, schloss der Kreml den Nichtangriffspakt mit Deutschland durchaus "diktiert von dem Bedürfnis nach Krieg in Europa". Stalin erläuterte dies gegenüber Georgij Dimitroff so: "Wir können manövrieren und die eine Seite gegenüber der anderen aufhetzen, damit sie sich um so heftiger gegenseitig zerfleischen. Der Nichtangriffspakt hilft Deutschland in gewisser Weise. Bei nächster Gelegenheit muss man die Gegenseite aufhetzen".
Stalins mehrfache Doppelspiele lassen sich seit der Ära von Gorbatschows Glasnost leichter noch als vordem belegen, auch wenn dies die bundesdeutsche Zunft mit leicht erkennbarer Verbissenheit zu ignorieren suchte. 1940 war durch Stalins Weisung und durch Marschall Schukows Planung die "Südwestfront" zum künftigen Hauptkriegsschauplatz erklärt worden, was dazu führte, dass die Sowjettruppen im besetzten Teil Polens ebenso verstärkt wurden wie die um Minsk herum. Denn man wollte imstande sein, jederzeit die "rumänischen Ölfelder überrennen" zu können, was bei der in Moskau bekannten deutschen Garantie für Rumäniens Grenzen keine politische Kleinigkeit war.
Anfang Januar 1941 wurde die Flexibilität der sowjetischen Streitkräfte unter dem Motto "Eine offensive Operation der Front zum Durchbruch durch gefestigte Regionen" geübt. Andreij Schadanow, Chefideologe der KPdSU und späterer Begründer der Kominform in Belgrad, war mehr als zufrieden, teilte er doch die Ansicht der sowjetischen Militärs, dass durch den gegenwärtigen Krieg zwischen England und Deutschland sich für die Sowjetunion eine Chance auftat, zu tun, was immer ihr zu tun beliebte. Bei dem Manöver agierten die "östlichen Streitkräfte" , wie sie in dem Übungsszenario genannt wurden, als Angreifer. Scheil schlussfolgert "Was nicht geübt wurde, war auch nicht vorgesehen. Stalin opferte keine Zeit für überflüssige Proben. Er führte seine Truppen auf der Landkarte in überlegener Ausrüstung an die Grenze und gab ihnen das fiktive Signal zur Attacke."
Bei diesen Übungen ging man von einer militärischen Überlegenheit der östlichen Streitkräfte von 2,5 zu 1 bei den Panzern und 1,7 zu 1 bei den Flugzeugen in der ersten Studie und einer Überlegenheit von 3 zu 1 bei den Panzern und 1,3 zu 1 bei den Flugzeugen bei der zweiten Studie aus. Stalins Fazit nach dem Manöver: "Eine zweifache Überlegenheit ist Gesetz. Eine dreifache ist besser". Die Weichen für die Eskalation des Zweiten Weltkrieges waren gestellt, das weltrevolutionäre Ziel Moskaus verknüpfte sich in auffälliger Manier mit dem nationalen Ziel. Molotow hatte bereits zuvor das Hauptziel seiner Amtszeit definiert: "Die Grenze des Vaterlands ist so weit vorzuschieben wie irgend möglich". Dazu musste er, wie er später nicht ohne Stolz das Wirken seines Meisters kommentierte, andere stimulieren: "Stalin trieb die Kapitalisten Roosevelt und Churchill in einen >Krieg gegen Hitler… Die Akteure des letzten Jahrhunderts trieben Politik aus ihren individuellen Prägungen, Ansätzen und Begabungen, getragen von den Zwängen ihrer Überlieferungen, Interessen und den jenseits aller Vernunft liegenden Unwägbarkeiten, wie sie sich aus dem Zusammenprall von Gegensätzen ergeben. Coincidentia oppositorium nannten das Denker wie Nikolaus von Kues und Schelling, und dachten dabei an Gott, an Schicksal.
Scheil denkt dabei zunächst nur an Interessen. So entsteht unversehens ein Szenario, das die Absichten derjenigen hervortreten lässt, die bislang von der Kritik ausgespart geblieben sind. Doch irgendwann wird der Rubikon überschritten…
Nach einem Kriege treten bekanntlich immer am deutlichsten seine eigentlichen Ziele hervor. Und sie weisen eine bedeutsame Bilanz auf: Deutschland territorial um ein Drittel reduziert, seiner Erfindungen, Patente, seiner Wissenschaftler ledig. Die einst blühenden Regionen in Sachsen und Thüringen verarmt, von Entvölkerung bedroht (die ostdeutschen Länder, wie etwa das nördliche Ostpreußen, verwüstet, selbst ihre Agrarproduktionen reichen auch gegenwärtig nicht annähernd an die der Vorkriegszeit heran). Der Kontinent eingebunden in ein Paktsystem, dem sich allein Frankreich, wenn auch nur als bloße Kaprice, enthalten darf. Seiner eignen Währung gegen den Willen von 60 bis 70 Prozent unseres Volkes verlustig und eingebaut in ein Wirtschaftssystem, gleichsam als zweiten, um die Mitte gelegten Ring, von dem eine französische Zeitung schrieb, er sei eine Art von "Versailles ohne Krieg". Die Weltmacht Großbritannien enterbt, ohne nennenswerte Kolonien, darin ähnlich Frankreich, Belgien, Holland, Italien und Spanien.
Russland verlor im Gefolge seines wahnwitzigen Großmachtstrebens die Ukraine und seine zumeist muselmanisch geprägten ölreichen Südrepubliken; es verlor seine Weltmachtposition. Sieht man von den Vereinigten Staaten ab, so ist allein Polen aus dem Zweiten Durchgang mit Gewinn hervorgegangen…
Es versteht sich fast von selbst, dass ungewöhnliche Blicke auf das Material sofort gegenläufige Kräfte auf den Plan rufen. So schrieb der Historiker Hans-Adolf Jacobsen in der FAZ über Scheils früheres Werk "Fünf plus Zwei", das er zeigen wolle, nicht ein einseitiges Machtstreben habe den Beginn des Zweiten Weltkrieges verursacht, sondern die wachsende "Eskalation der innereuropäischen Konflikte". Daher dränge sich ihm, Jakobsen, der Verdacht auf, beim Autor handele es sich "um einen jener schwer Belehrbaren, die vor allem Hitler und seine Helfershelfer exkulpieren und etwas von der drückenden Hypothek der Deutschen nach 1945 abtragen" wollten. Scheils "Eskalation" ist von Jacobsen bislang in der FAZ nicht besprochen worden, dafür kam Rolf-Dieter Müller, ein "beamteter Forschungsfunktionär", wie ein Leserbriefschreiber ihn nach getaner Arbeit qualifizierte, an die Front, der allein schon mit der Überschrift "Adolf, der Friedfertige" erkennen ließ, dass er sich weniger mit den angeführten Textpassagen und den von Scheil ausgewählten Zitaten auseinandersetzen wollte, denn als Linienschiff des Zeitgeistes verstand, der erneut die sattsam bekannten läppischen Kräuselwellen aufzuwerfen hatte.
Stefan Scheils Buch wird allein schon deswegen Bestand haben, weil es die Geschichte jener Zeit, nochmals gesagt, von der Interessenlage aller beteiligten Mächte her angeht, nicht aber von der genehmen Wunschvorlage einzelner.
Der Rezensent K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"
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