A u t o r e n b e i t r ä g e


Rezension (Auftragsarbeit):


"Aneta M. Gejagt von der Polenmafia -Aufgezeichnet von Jürgen Roth"
Eichborn 2005, 176 Seiten, geb. ISBN 3-8218-5589-4 Preis 16,90 Euro

von Klaus Peter Fischer


Erst kamen die Schweden, dann die Russen, die Franzosen, die Polen: Kolberg, einer der ältesten Orte Pommerns, war wiederholt Ziel fremder Mächte. Dreimal gingen die Russen gegen die Stadt vor, 1806 versuchten es die Franzosen unter Napoleon, die zwar große Teile der Stadt mit ihren "Breschbatterien" in Schutt und Asche legen konnten, aber schließlich doch durch den Mut ihres Bürgermeisters Joachim Nettelbeck im Bunde mit den Majoren Schill und Gneisenau sechs lange Monate den Ansturm aufzuhalten vermochten, bis endlich der Friede von Tilsit die Belagerung beendete. 139 Jahre später drangen erneut Russen, diesmal in den Uniformen der Roten Armee, und Polen der "Armia Krajowa" in die Hansestadt ein und verwüsteten sie so stark, daß die polnische Verwaltung bis auf den heutigen Tag ohnmächtig geblieben ist, die Schäden von Krieg und Vertreibung zu tilgen. Triste Plattenbauten sollten die Wundmale des Krieges schließen, doch sie vermochten es nicht.

Aber gerade sie schufen die Grundlage für die Sehnsucht der neuen Bewohner, einen schnellen, schrägen Weg zum kleinen Wohnungsglück zu finden. Kolberg wurde noch in kommunistischer Ära zu einem legendären Eldorado für Bestechlichkeit, Unterschleif und Verbrechen, Korruption trieb immer giftigere Blüten. Ging es anfangs nur um Wasserhähne, Klo-Brillen, Kacheln, Dachröhren, so rückten bald staatliche Vergünstigungen, Baugenehmigungen, Fördermittel und Baumaterialien in den Blick, die wiederum nur verrechnet werden konnten mit kleinen "Aufmerksamkeiten". Glücklich, wer Verwandte in den USA hatte: Schon ein einziges Stück wohl duftender Seife vermochte nicht nur die klebrigen Hände von Funktionären zu reinigen, es öffnete auch Tür und Tor heimlich gehorteter Lager.
So nahm das Verhängnis seinen Lauf und wucherte wie die Metastasen eines aggressiven Krebsgeschwürs weit über Pommern hinaus, nach Mecklenburg und Brandenburg, auch nach Warschau und Krakau hin. Wer sich von dieser furchtbaren Krankheit zu lösen, zu genesen versuchte, geriet in das Räderwerk einer erbarmungslosen Maschinerie.
Er wurde und wird "Gejagt von der Polenmafia".

So lautet auch der Titel eines Buches, das Jürgen Roth nunmehr im Eichborn Verlag veröffentlichte. Der Autor, bislang insbesondere mit "Ermitteln verboten! Warum die Polizei den Kampf gegen die Kriminalität aufgegeben hat" nachdrücklich in Erscheinung getreten, greift nunmehr auf die Notizen einer jungen Polin zurück, die sich auf dem schmalen Grat von Schuld und Unschuld, von unbarmherzigem Überlebenskampf und organisierter Kriminalität bewegte.

Wenn man so will, so scheint es durchaus symptomatisch, daß jene Polin, die im Buch als Ich-Erzählerin "Aneta M." auftritt, geboren in einem Dorf in der Nähe von Stettin, aus jener bildungsbürgerlichen Sphäre stammt, die gemeinhin beruhigend und stabilisierend auf die übrigen Bevölkerungskreise einwirkt. Doch schon in der kommunistischen Ära verführte die stete Mangelwirtschaft zum kurzen, zum schrägen Weg, der einmal beschritten, zumeist nie mehr verlassen wurde.

Die traditionellen politischen Führungskräfte Polens, durch Bolschewismus (Katyn usw.) und permanente Emigration geschwächt, ohnehin nie sonderlich zu rühmen wegen übergroßer Volksnähe, versagen angesichts der erneuten politischen Umbrüche abermals. Nunmehr, seit die einigermaßen bewährte europäische Werteskala des Vorkriegs entwertet und zu bloßer Makulatur verkommen ist, vermögen weder der spezifisch national ausgeformte polnische Katholizismus noch das in durchweg in Moll angestimmte Brüsseler Hohelied von EU- Tugenden die Gemüter zu beruhigen noch dauerhaft Sinn stiftend zu wirken.

Die hemmenden Dämme brachen vollends, als die kommunistische Ära zu einem Ende kam. Wirkten zuvor noch die aus Gründen der Staatsräson übersteigerte politische Überwachung und die vergleichsweise hohe Strafen zumindest dämpfend auf kriminelle Aktivitäten, so wurden mit dem Einbruch des ungebremsten Liberalismus, der nur noch die Maxime des Profits gelten läßt, alle Schichten erfaßt. Weit öffneten sich Tür und Tor für Rauschgift- und Mädchenhandel. Taschendiebstähle, Einbrüche in den nachbarlichen Hühnerstall gehörten fortan nur noch zum Fachbereich minderbemittelter Randgruppen.

Die neuen Hyänen, die sich teils aus den Verbliebenen der alten Führungsschicht, teils aus kriminelle Morgenluft witternden auswärtigen Rückkehrern rekrutierte, drangen alsbald in die Vorzimmer der neuen politischen Macht vor, und schufen damit Strukturen, die nur noch in den Kategorien von Millionen rechnen. Von den Vorzimmern der Macht war es nur noch eine Frage der bloßen Gelegenheit, um die kriminelle Energie insbesondere auf staatliche Projekte und die prall gefüllten Geldtöpfe aus dem nur schwer kontrollierbaren Brüssel zu richten.

Schob Jürgen Roth bereits in seinem "Ermitteln verboten!" den bundesdeutschen Kommissar nur noch in die Position eines bloßen Verwalters, eines Archivars und Statistikers des Verbrechens, so gehen ihre polnische Kollegen meist gleich zwei, drei Schritte weiter in die Tiefe.
Selbst akademische Stätten bleiben nicht verschont: So geriet jene berichtende Aneta A., die ihre Promotionsschrift über die "Mafia und organisierte Kriminalität im deutsch-polnischen Grenzraum" für die Stettiner Universität verfaßt hatte, ins akademische Abseits, weil die soziologische Fakultät, die ihre Doktorarbeit betreut hatte, aus nahe liegenden Gründen geschlossen wurde, während ihr Professor und Doktorvater in den Genuß eines vorzeitigen Ruhestandes kamen.

Ein Kolberger Journalist, der zunächst kritisch über die Umtriebe Schwerkrimineller berichtet hatte, avancierte gleichsam über Nacht zum - Pressesprecher der Stadtverwaltung! Und die Fäden reichen selbstverständlich mühelos über Verwaltungsgrenzen hinaus: Aneta M., die als Dolmetscherin zunächst für eine angebliche Hambuger Teeefirma arbeitete, mußte bald feststellen, daß weniger Tee aus China als vielmehr Heroin der eigentliche Handelsgegenstand war.

Aneta A. treibt zunächst mühe- und reibungslos in diesem trüben Malstrom des Verbrechens mit, ihr Konto füllt sich ungewohnt rasch, sie gründet, selbst geschäftlich durchaus erfolgreich, eine eigene Firma, die schließlich eine neiderfüllte Konkurrenz auf den Plan ruft. Sie wechselt die Fronten, und kommt dadurch schließlich in arge Bedrängnis. Insbesondere weil sie gegen einen angesehenen deutschen Politiker aus Brandenburg aussagen soll, der zuvor zehn Jahre lang Amtsdirektor im uckermärkischen Gartz war und später im Kolberg "stiller Teilhaber" an einem großen Restaurant wurde, in dem nicht nur Bier und Wodka, sondern eben auch Drogen, schiefe Wirtschaftskontakte und Killerpersonal zu erlangen waren.

Aneta M., die sich nunmehr in den Fängen jenes bundesdeutschen Amtsdirektors befindet, berichtet aus der alltäglichen kriminellen Praxis: "Die Stadt (Kolberg) war perfekt, wie Palermo. Man geht nicht zu den Behörden, sondern legt dem Paten das Geld auf den Tisch und bittet um Erledigung. Daraufhin erhält man einen Termin bei der Verwaltung und da wird alles, zum Beispiel die Bierkonzession, sofort erledigt. Man spart Zeit und Nerven".

Im dortigen Restaurant "Mola" entsteht allmählich eine Art von Mekka der Schwerstkrimineller. Schutzgelder, junge, minderjährige Frauen aus der Ukraine, Russland für Bordelle in Berlin, Rostock und Frankfurt/Main, hier genügt nur die Abgabe des Bestellscheins und - Geld! Antea M. versucht sich aus dieser Welt zu lösen, packt bei deutschen und polnischen Behörden aus. Der agile Amtsdirektor gerät in den Blickwinkel der Neuruppiner Staatsanwaltschaft: Hausdurchsuchungen, Untersuchungshaft wegen Verdunkelungsgefahr folgen. Dubios erteilte Genehmigungen für den Bau von sechzehn Windkraftanlagen in der Uckermark, Schmiergelder, das gesamte Einmalseins der Korruption stellen die Ermittler fest. Die Staatsanwaltschaft beharrt auf weiterer Verwahrung, weist den Einwand der Anwälte ab, die U-Haft bis zum Prozessbeginn aufzuheben. Doch im Februar 2002 kam es anders: Das Gericht sprach den Beschuldigten frei. "Freibier für die Fussballer!" , rief er noch im Gerichtssaal und - die Staatsanwaltschaft nach Revision. Vergeblich!

Das Netz der Kriminellen ist weit gespannt und besteht schon lange: Bereits am 7. Januar 1992 berichtete das (staatliche) "Zentrum für Statistische Untersuchungen Italiens" (CENSIS) über die Verflechtung von Politik und Mafia: "In einigen deutschen Städten haben sich Skandale abgespielt, die das Schlimmste vorausahnen lassen. 1977 (!) deckte man in Berlin ein illegales Netz auf, das Baulöwen und Senatsmitglieder umfaßte und von der CDU und dem Rotlichtmilieu angeführt wurde" (CENSIS: "Contro e dentro: criminalita istituzioni societa`"). Kriminalbeamte mußten ohnmächtig mit ansehen, wie "die Paten des organisierten Verbrechens zu Gesprächspartnern von Politikern und anderen Entscheidungsträgern" wurden.

Jürgen Roth liefert mit den Aufzeichnungen jener etwas ominösen Polin Aneta M. dennoch eine ausgezeichnete, schaurig lebenspralle Milieustudie nach, die als unerläßliche Ergänzung seines "Ermitteln verboten!" gelten kann, und die zusammen genommen eigentlich als Warnschriften in die Hände all jener heillosen Europa-Enthusiasten gehören, die blind für die Anfälligkeit der menschlichen Natur gegenüber leicht verdientem Geld, Machtmißbrauch und falscher Gedankengänge sind. Denn es könnte durchaus sein, daß bald aus dem Schoß einer doch wohl ursprünglich anders angelegten Idee ein unwiderstehliches Ungeheuer erwächst, das die noch verbliebenen hoffnungsgrünen Grasstreifen zum Verdorren bringt.


Der Rezensent K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"



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