A u t o r e n b e i t r ä g e


Rezension (Auftragsarbeit):


Karl Hugo Pruys: Helmut Kohl / Der Mythos vom Kanzler der Einheit
Edition q im be.bra Verlag, Berlin- Brandenburg 2004, ISBN 3-86124-586-8, 136 Seiten

von Klaus Peter Fischer


Von einer unrühmlichen Ausnahme abgesehen, widerlegen seit jenen denkwürdigen Novembertagen von 1989, in denen scheinbar unvermutet die Mauer fiel, alle westdeutschen Politiker den Satz vom Erfolg, der viele Väter habe. Niemand beansprucht eine Art von geistiger Mittäterschaft. Nahezu ohne westdeutsches Zutun vollzog sich das Scherbengericht in Leipzig, im Ostteil der Hauptstadt Berlin, in Rostock, Suhl und anderswo. Nur einer nahm für sich in Anspruch, den wehenden Mantelzipfel der Geschichte schon immer fest im Griff gehabt zu haben: Helmut Kohl.

Doch seine damals prophezeiten "blühenden Landschaften" erwiesen sich mit dem Fortgang der Zeit als blühender Unsinn, nicht nur weil die Beurteilung über die Potenz der DDR-Wirtschaft falsch war, sondern weil ein tief innen sitzender Wille und eine mitfühlende Kraft zu raschem Angleich überhaupt nicht in ihm angelegt war. Nunmehr wird endlich auch das politisch schon längst etwas verschämt in den hinteren Teil des Schauplatzes der Geschichte gerückte Monument mit wuchtigen Schlägen vom Sockel geholt.

Dabei ist es nicht ohne Ironie, daß die Abrißbirne nicht von der Opposition geführt wird: Karl Hugo Pruys, Jahrgang 1938, veröffentlichte soeben im be.bra Verlag Berlin / Brandenburg unter dem Titel "Helmut Kohl / Der Mythos vom Kanzler der Einheit" ein Buch, das ein langes politisches Nachbeben auslösen dürfte. Erschüttert es doch bis in die Grundfesten die propagandistisch gefällig gebotene Pose eines Mannes, der seit 1990 nicht müde wurde, sich als Kanzler der Einheit aufzuführen.

Pruys war in den siebziger Jahren einflußreicher Sprecher des damaligen CDU- Vorsitzenden Helmut Kohl in Bonn und später auch dessen viel gepriesener Biograph. Für den Augenblick ist noch unübersichtlich, ob ihn ausschließlich journalistische Redlichkeit oder schwelende Machtkämpfe innerhalb der CDU bei diesem Buch die Feder führen ließen, aber das bleibt für den hier interessierenden Sachverhalt ohnehin völlig gleichgültig.

Der kundige Publizist, Verfasser zahlreicher weiterer Politiker- Biographien, rückt an den Anfang seines Buches als Leitmotiv seines Ansatzes ein gewichtiges Zitat des seinerzeitigen sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse aus dem Jahr 1986 (!). Daraus wird ohne Zweifel ersichtlich, daß bereits zu diesem Zeitpunkt Moskau unüberhörbare Signale aussendete, die auf eine Bereitschaft zur Lösung der deutschen Frage aus waren. Gorbatschows Intimus und ehemaliger Kommilitone Schewardnadse schrieb rückblickend: "Die Existenz zweier deutscher Staaten im Herzen unseres Kontinents verwandelte sich unter den gegenwärtigen Bedingungen in eine Anomalie, die die Sicherheit Europas ernstlich bedrohte, und es kam darauf an, sich Gedanken darüber zu machen, wie eine gefährliche Unlenkbarkeit der Ereignisse mit politischen Mitteln zu vermeiden war".

Jene befürchtete "gefährliche Unlenkbarkeit" bedeutete im Klartext, daß die Herren im Kreml genaue Kenntnis über den damaligen Stand der DDR- Wirtschaft besaßen. Dazu diente nicht nur der mächtige Apparat der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD), der sein Hauptquartier in Grünberg / Schlesien besaß, sondern auch ein potentes System von penibler Überwachung, das jederzeit genaueste Kenntnisse über interne Vorgänge innerhalb des Zentralkomitees der SED aufweisen konnte.

In einer für das Zentralkomitee der SED erstellten Geheimstudie "Zur Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlußfolgerungen" aus dem Jahre 1989 geht hervor, daß es bereits 1985 "nur noch mit großen Anstrengungen" gelungen wäre, die Zahlunsfähigkeit der DDR zu sichern. Demnach war das 1986 nicht mehr möglich, denn drei Jahre später resümiert das ZK skeptisch: "Allein ein Stoppen der Verschuldung würde im Jahre 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25 bis 30 Prozent erfordern und die DDR unregierbar machen." Als letzten Ausweg und um "der Vermeidung eines Diktats des Internationalen Weltwährungsfonds" zu entgehen, schlägt das ZK ein "konstruktives Konzept der Zusammenarbeit mit der BRD und mit den anderen kapitalistischen Staaten wie Frankreich, Österreich, Japan, die an einer Stärkung der DDR als politisches Gegengewicht (sic!) zur BRD interessiert sind" vor. Man wußte also im ZK zwar sehr wenig über die Lösbarkeit ökonomischer Probleme, besaß aber offenbar ein sicheres Gespür für die Dynamik des "politischen Gegengewichtes". Weshalb auch folgerichtig spekuliert wurde, daß trotz der in Not gekommenen SED Bonn auch die ohnehin schon so bereitwillig gezahlte Transitpauschale weiter zahlen und auch noch einer "Verpfändung" zustimmen würde, um den drohenden Untergang des Regimes abzuwenden.

Dies war grob skizziert die wirtschaftliche (Not-) Lage der DDR, wobei das diktatorische Regiment mit seinen verheerend wirkenden Schikanen hier ungenannt bleibt. Die DDR war nämlich keinen Moment eine aus den sozialpolitischen Träumereien des 19. Jahrhunderts entstandene Republik, das blieb nur das umgelegte Mäntelchen. Und der beschworene Klassenfeind, selbst unter den Bedingungen einer geteilten Nation, verhielt sich nicht nur denkwürdig zurück, sondern hielt das Konstrukt durch beherzte Griffe in die eigne Schatulle sogar am Leben.. Es war klar, diese 1949 gegründete Republik war ein schieres Ergebnis der Siegermächte, die einfach aus Gründen wirtschaftlicher Konkurrenz alles durchgehen ließ, was eine vorzeitige Kräftigung des Besiegten unterband.

Die DDR hätte allenfalls dann die Fahne stolzer in den Wind hängen können, wenn sie mit dem Segen Moskaus die Ostgebiete in das gesamtdeutsche Ringen gegeben hätte. Aber dazu waren die Köpfe im Kreml nicht klug oder nicht mutig genug. Spätestens mit der Errichtung der Mauer setzte sich die DDR- Führung zugleich auch ihren eigenen Grabstein. Daß die Bestattung sich verzögerte, lag an den verfeindeten Großmächten, die sich bei aller sonstigen Konkurrenz nur darin einig waren, Mitteleuropa weiterhin auszuschalten (Kissinger).

Mit allen Konsequenzen für Bonn und Ost- Berlin: Während der Bonner Teilstaat sich unter den Augen verblüffter Sieger allmählich zu einem wirtschaftlichen Riesen entwickelte, mutierte er politisch mit dem Abstrand zu 1945 immer mehr ins Zwergenhafte. Umgekehrt kam die DDR nie aus der wirtschaftlichen Misere heraus, vermochte aber propagandistisch immensen innerdeutschen Einfluß zu gewinnen, der sich rasch weit über die läppische 17. Juni- Rhetorik Bonns vom Arbeiter-Aufstand zu erheben vermochte. Erst mit der Konzeption der Sozialliberalen "Wandel durch Annäherung" kamen ungewollt subversiv wirkende Elemente auf. Freilich lautete hier nicht das Ziel deutsche Einheit, sondern eine nebulöse Liberalität, die den lähmenden Status quo fortdauern lassen wollte. Der vermeintlich aufkommende "Goulasch- Kommunismus" Ungarns fand weit mehr Beachtung als die 1968 veränderte Verfassung der DDR, die die Wiedervereinigung als politisches Ziel gestrichen hatte.

Doch vermutlich der aus den Tiefen der Finanzwelt aufgestiegene Konflikt zwischen Moskau und Washington führte zum sogenannten Doppelbeschluß der NATO, den die wirtschaftlich ständig klamme Sowjetunion nicht durchstehen konnte und folgenschwere Veränderungen auslöste. Erst mit Gorbatschow wurden auch wieder Begriffe wie "Einheit der Nation", "Nationalgefühl" und deutsche "Anomalie" in einen Zusammenhang gestellt und der seinerzeitige westdeutsche Botschafter Meyer- Landrut griff gewissermaßen beruflich die neuen Moskauer Signale auf, die freilich in Bonn wenig Beachtung fanden. Meyer- Landrut von Schewardnadse mit Bedacht als "herausragender Deutschlandexperte" gewürdigt, erinnerte in der Zeitschrift "Osteuropa" aus Anlaß des bevorstehenden Besuchs von Kohl in Moskau (zu dessen Verdruß) an die "Teilung einer großen, alten Nation im Herzen Europas".

Sieht man von dem CDU-Abgeordneten Todenhöfer ab, der seine Fraktion auf Betreiben Heiner Geislers von der Streichung des Programmpunktes "Deutsche Einheit" bewahrte, so gab es nur noch den "Hinterbänkler" Bernhard Friedmann, so Pruys, der "unüberhörbar auf die von den Sowjets selbst eröffneten Chancen aufmerksam machte". Doch Kohl tat dies ab. Für ihn waren das nur "Hirngespinste politisch unfähiger Leute" und "Tagträumereien". Vermutlich war sein Goebbels-Vergleich mit Gorbatschow nur auf diesem Hintergrund ausgesprochen worden, um das Klima mit Moskau zu vergiften. Jedenfalls pflegte er nach Angaben von Pruys "regelmäßig allergisch bis zu regelrechten Wutausbrüchen auf (Bernhard!) Friedmann zu reagieren. Viele Jahre später schrieb Friedmann an Angela Merkel, daß er sich seit 1986 "vehement für die Wiedervereinigung eingesetzt" habe, daß Kohl aber seine "Initiativen als īblühenden Unsinnī" bezeichnet habe.

Hugo Pruys sieht in Kohls Vorbehalten einerseits einen vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Westmächten am Werke, was er als "historisch längst erwiesenen Unsinn" abtut. Andererseits attestiert er Kohl eine alles politische Handeln bestimmende Furcht, "weil sie womöglich Gefahr für seine politische Führungsrolle bedeutete". Beide Thesen bedürften sicherlich noch einer Differenzierung, denn Mitterrands folgenreiche Eiertänze in Kiew mündeten später ungeprüft und überstürzt in Maastricht ein, während die gehässigen Attacken der "Eisernen Lady" die Melodie der EU vorgaben. Kohl stand als "Enkel Adenauers" völlig unkritisch in der rheinischen Tradition, was spätestens in der Hauptstadtfrage nochmals zum Tragen kam, weil sie, Schande genug, allein mit den Stimmen der SED- Nachfolgepartei PDS richtig gelöst werden konnte.

Und schließlich dürfte seine freche Lüge, Gorbatschow habe etwa die Frage der Beibehaltung der SBZ- Enteignungen von 1945 bis 1949 ursächlich mit der Gewährung der Deutschen Einheit in Verbindung gebracht, das Bild des Politikers Kohl runden. Der Kanzler mußte zugreifen, weil die Gefahr drohte, daß die DDR-Mark zur D-Mark rollen würde, was die Sozialsysteme Bonns gesprengt hätte

Der Rest war politische Routine: Aus der politischen Not eine Tugend für die Geschichtsbücher zu formen, die die Zeit überdauern sollte. Damit scheint nicht mehr viel zu werden, denn schon das Buch von Karl Hugo Pruys nimmt den schönen Schein von Kohl. Es gehört in die Hand aller politisch mündiger Bürger, die wissen wollen, wie es in jenen denkwürdigen November- Tagen damals war. Und welche Folgen nationalpolitische Stümperei zeitigt. Dabei ist es nicht ohne Pikanterie, daß trotz des wahlpolitischen Kapitals, das andre Parteien aus diesen Thesen zu ziehen vermögen, es vorgeblich "Stern" und "Spiegel" abgelehnt haben sollen, Vorabdrucke in ihren Blättern zu gewähren. So hauchdünn ist immer noch die Schicht der Sympathie für das Gebot der Wiedervereinigung.


Der Rezensent K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"



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