A u t o r e n b e i t r ä g e


Rezension (Auftragsarbeit):

"Zwischen Licht und Finsternis tobt ein mächtiger Krieg"

Zu Freya Kliers soeben in 2. Auflage erschienener Dokumentation

"Oskar Brüsewitz / Leben und Tod eines mutigen DDR- Pfarrers", 2.aktualisierte Auflage, Berlin 2006,
144 S., zahlr. Fotos, ISBN 3-00013746-7. Herausgegeben und zu beziehen vom Bürgerbüro Berlin e.V.
13355 Berlin Bernauer Str. 111, Ruf: 030 - 4634806 - E-Mail: buergerbuero@berlin.sireco.net
Preis 8 Euro. Schüler 6 Euro (Jeweils plus Versandkosten).

von Klaus Peter Fischer


Am 18. August 1976, es war ein Mittwoch, lehnt auf dem Michaelis-Kirchplatz in Zeitz ein verwegener Mann ein Plakat mit der Aufschrift "Die Kirchen klagen den Kommunismus wegen der Unterdrückung der Jugend an" an seinen Dienstwagen, um sich nur wenig später selbst mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Oskar Brüsewitz, der Pfarrer aus der Nachbargemeinde Rippicha, im Sächsisch- Anhaltinischen gelegen, setzte damit ein für die mitteleuropäisch-protestantische Kirchengeschichte einmaliges Zeichen, dass die von den politisch Mächtigen im geteilten Deutschland gerade erst mühsam geglättet geglaubten Wogen erneut zu haushohen Wellen, wild gurgelnden Strudeln und jähen Sturzbächen führte. Die Tat wirkt trotz enormer gegenteiliger Mühen auf vielfältige Weise bis heute fort, und ritzt sich gerade deswegen immer tiefer in die Annalen der deutschen Geschichte ein.

Gegen Vergessen, Verschweigen und Verdrehen, diesen noch immer fatal gültigen deutschen Seinskategorien des geteilten Landes, schreibt nun erneut Freya Klier mit ihrem Buch "Oskar Brüsewitz - Leben und Tod eines mutigen DDR- Pfarrers" an, dass soeben in zweiter Auflage im Bürgerbüro Berlin erschienen ist. Die Autorin, 1950 in Dresden geboren und früh in das Räderwerk der Stasi geraten, durch zahllose Bücher("Abreißkalender", "Penetrante Verwandte"), Filme ("Verschleppt an das Ende der Welt" und Essays ("Deutschland in der Schieflage") als eine der kundigsten und agilsten Schriftstellerin der Nachwendezeit ausgewiesen, liefert mit ihrer Dokumentation nicht nur einen biographischen Abriss jenes verzweifelten Gottesmannes nach, sondern stellt die Tat in angemessen sachlicher und vollkommen unprätentiöser Weise exemplarisch in den Rahmen der seinerzeitigen SED-Kirchenpolitik.

Die Arbeit ist für Schüler oberer Klassen und Studenten angelegt, weshalb auch theologische und andere Fragestellungen, die sich aus der Tat des Pastors ergeben, aus dem Text ausgeklammert bleiben. Die vorgegebene Begrenzung auf den im Vorwort angesprochenen Leserkreis engt dabei das komplexe Thema keineswegs ein noch wird es profan abgehandelt. Dafür sorgt die Autorin zudem mit ihrer wohltuend sachlichen Prosa, die Pathos ebenso vermeidet wie schrille Akzente.

Formal war über den verfassungsrechtlichen Rahmen der DDR wenig zu sagen, er garantierte formal die Glaubensfreiheit wie auch alle anderen bürgerlichen Grundrechte, die freilich durch das Prinzip des "demokratischen Zentralismus" nahezu beliebige Interpretationen und damit Beschneidungen erlaubten. Parteitaktiker Ulbricht hat den schönen Anschein früh als das Mittel erkannt, mit dem alle seiner Partei entgegenstehenden Kräfte scheinbar mühelos paralysiert werden können: "Es muss alles demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand behalten".

Getreu dieser Devise formte die SED dann auch ihre kirchenpolitischen Ziele: Die allmähliche Beseitigung der Institution Kirche, deren Tradition und deren geistige Breitenwirkung als Mitträger des hellenistisch-christlichen Kulturkreises und die dagegen gesetzte Indoktrination sozialistischer Maximen (10 Gebote der sozialistischen Moral) und endlich die Umformung religiöser Kulthandlungen wie Taufe, Konfirmation durch Jugendweihe und dergleichen mehr. Schließlich verordnete sie sich, diesen Kampf so zu führen, dass eine unmittelbar greifbare Brüskierung der eigenen Bevölkerung unterblieb und außenpolitisch der Anschein von Duldung und Toleranz gegenüber Christen gewahrt blieb. Das uneingeschränkt verbindliche Bildungsmonopol der SED endlich sollte als "Kernstück" dem großen Fernziel eines "festen Klassenstandpunktes" dienen, in dem abweichende Überzeugungen keinen Platz mehr eingeräumt bekommen sollten.

In der Praxis bedeutete dies, dass die Kirche ihre sich selbst gestellten Aufgaben auch für den Kreis der sich dazu Bekennenden nicht mehr wahrnehmen konnte. Ihr wurde jeglicher Bildungsauftrag entzogen und lediglich bildungsunfähige, behinderte Kinder in ihren karitativen Einrichtungen geduldet, während nicht nur Pastorenkindern, sondern auch jungen Christen überhaupt der Zugang zu höheren Schulen oder zur Universität erschwert oder gar verweigert wurde. Kinder in Horten und Schulen kamen in Bedrängnis, wenn sie sich ihrem Glauben gemäß artikulierten.

Der institutionelle Protestantismus, traditionell eng mit der Staatsmacht verknüpft, setzte zunächst auf die in Westdeutschland unangefochten agierende EKD, die auf gesamtdeutschen Kirchentagen auch im Bereich der DDR zunächst noch weithin beachtete Triumphe einheimsen konnte.
Doch mit dem Abstand der unmittelbaren Nachkriegszeit potenzierte sich westdeutsche Indifferenz mit den aggressiven kirchenpolitischen Zielen der SED negativ, die zudem mit der willkürlichen Verfassungsänderung von 1968/69, die auch die Preisgabe der ungelösten deutschen Einheit enthielt, womit auch die gesamtdeutsche Struktur der Kirchen als zerschnitten galt. Die nunmehr im "Bund der Evangelischen Kirchen der DDR" zusammengefasste Institution erprobten eine Art von "Kirche im Sozialismus", die zwar zunehmend den Beifall westdeutscher Politiker und ermunternde Wort aus bestimmten Reihen der EKD fand, die sich insgesamt brav in der bekannten "Anerkennung der Realitäten" übte.
Dies erwies sich in der Praxis alsbald eindeutig als bloße Leerformel. Die Gemeinden leerten sich, genauso wie dies heute den lebensfern agierenden Parteien geschieht, sie füllten die Erwartung ihrer Glieder nicht mehr aus, blieben geistig und geistlich ohne Tiefgang und schufen weder nachvollziehbare Vorgaben noch sinnträchtige Beispiele für die Lebenspraxis des Alltags.

Zudem erstrebte jene oben angeführte "Anerkennung der Realitäten" von westdeutscher Seite keineswegs das gewissermaßen aus taktischen Gründen vorläufig nur nach hinten gestellte Ziel der deutschen Vereinigung, wie dies die permanent in ihrer Existenz gefährdete SED argwöhnte. Das Fernziel war und blieb der Status quo, ein verordnetes und akzeptiertes Dogma, an dem allenfalls kosmetische Korrekturen erlaubt waren. Dies führte dazu, dass die ohne Not von den Parteien weithin sich abhängig machenden Medien wie Rundfunk und Fernsehen zunehmend von der Realität der DDR-Wirklichkeit verabschiedeten. Bald kam es zu jenem fatalen Gleichklang in Ost und West, der die süffige Formel beschwor, wonach von deutschem Boden nie mehr Krieg ausgehen dürfe. Ein demagogischer Kunstgriff der Propaganda, denn wie sollten ausgerechnet die beiden deutschen Staaten, weder militärisch mächtig noch souverän, einen Krieg anstiften können, oder einen eventuell von den dort stationierten ausländischen Truppen verursachten Konflikt verhindern?

Mitten in diese laue Moll-Sinfonie platzte die Verzweiflungstat des Pastors. Als er Tage später im Krankenhaus Halle-Döhlau ans seinen schweren Verbrennungen stirbt, haben die Nutznießer dieses faulen Kompromisses bereits wieder Tritt gefasst. Die SED bietet eine tief unter der Gürtellinie liegende Schmähung des Toten an, um seine Tat als die eines Mannes darzustellen, der seine fünf Sinne nicht mehr recht beieinander gehabt habe, während von westdeutsche Seite verharmlosend von einem tragischen Geschehnis in der Provinz, "weit hinten in der Türkei" gewissermaßen, die Rede ist, wo ein eifernder Don Camillo seinen kommunistischen Agitator Peppone gefunden habe. Zynische Verweise auf den Bildungsgang des aus dem ostpreußischen Augsgirren stammenden Brüsewitz, ein Opfer des Vertreibungsverbrechens, der zunächst deswegen den Beruf eines Schuhmachers erlernen musste, wurden bereitwillig nachgeschoben. Dennoch blieb sein Leisten das erschütternde Bekenntnis zu jenem Erlösergott, von dem er in seinem von Freya Klier abgedruckten Abschiedsbrief kündete: "In wenigen Stunden will ich erfahren, soll ich erfahren, das mein Erlöser lebt".

Obschon die christliche Tradition sehr wohl den Märtyrertod kennt, aber nicht den demonstrativen Selbstmord, setzte diese Tat, die tief auch in religiös indifferente Kreise eindrang, spürbare Zeichen der Nachfolge: Ausreisewillige bekannte mutiger ihre Absicht, die DDR um fast jeden Preis verlassen zu wollen, Bürgerkomitees versuchten der SED winzige Freiräume abzutrotzen, geschmähte Künstler solidarisierten sich, fanden in Kirchenräumen durch bekenntnistreue Pastoren weithin beachtete Foren.
Damit einher ging der immer schnellere talwärts führende wirtschaftliche und finanzielle Niedergang der DDR. Da half kein Milliardenkredit eines Franz Strauss, der obendrein die Vermittlungsprovision dafür einheimste, noch Freikauf politischer Häftlinge. Das von allem Anfang an lecke Staatsschifflein DDR, das immer nur durch die sowjetische Besatzungsmacht am Leben gehalten wurde, war nicht mehr zu retten. Es versank ruhmlos. Am Überleben blieben die, die das Wissen von den Abgründen der Macht besaßen, die Stasi. Aber auch jene im Glauben verzagenden Geistlichen, die sich in den Dienst der Stasi gestellt hatten. Sie bekamen von der EKD die rettenden Schwimmwesten gereicht, ebenso wie die immense Schar von westdeutschen Lohnschreibern, die das Hohelied einer falschen Entspannung angestimmt hatten.

Das Kapitel Kirche und DDR scheint noch keineswegs innerkirchlich gelöst zu sein, es dürfte aber angesichts der immer schärferen sozialen Konflikte eine neue innerdeutsche Dimension ich Sachen Glaubwürdigkeit erlangen.

Wie gut, dass es in dieser konfliktscheuen Bundesrepublik trotzdem gegenteilige Stimmen gibt. Freya Klier hat nicht nur den durch Krieg und Vertreibung ohnehin schon scharf markierten Lebensgang des Oskar Brüsewitz nochmals in diese spannungsreiche Zeit gestellt, sondern auch ein für die Zukunft bedeutsames Kapitel aus der scheinbaren Vergangenheit für die Gegenwart gekonnt aufbereitet. Es ist so, wie Brüsewitz es 1976 in seinem Abschiedsbrief schrieb, obwohl scheinbar tiefer Friede herrsche, tobe "zwischen Licht und Finsternis ein mächtiger Krieg". Und der dauert fort.


Der Rezensent K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"



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