A u t o r e n b e i t r ä g e


Rezension (Auftragsarbeit):

Günter Buchstab, Adenauer-Stiftung,
polemisiert gegen Constanze Paffraths viel beachtete Dissertation über
die SBZ- Enteignungen von 1945 -1949

von Klaus Peter Fischer


Nur wenige Wochen nach dem Fall der Mauer, der Kommentator war damals für eine überregionale Tageszeitung tätig, fragte er den Archivar, Herr über mannshohe, mit Notizen, Artikeln und Denkschriften aller Art angefüllte Regale, nach bereits vorliegendem Material westdeutscher Parteien, Verbände und Regierungsstellen für den Tag "X", also für die Stunde der Vereinigung und den Plänen danach. Der Archivar, ansonsten in seinem Gewerbe durchaus geübt, kundig und beflissen, blieb ungewöhnlich lange weg. Als er endlich auftauchte, druckste er herum und bekundete schließlich verlegen, es sei nur "Moralisches" zu finden.

In all den Jahren, die der Herr werden ließ, vierzig an der Zahl, gab es weder für den wirtschaftlichen, juristischen oder im verwaltungstechnischen Bereich trotz grundgesetzlicher Forderung eine tiefer fassende Studie für die ersten Schritte nach der immer möglichen Vereinigung. Dies gilt für alle Parteien. Die rühmliche und politische Welten stürzende Ausnahme bildeten lediglich die Markierungen der polizeilichen Kennzeichen der Kraftfahrzeuge, ein Beamter des mittleren Dienstes verbrachte seine Arbeitsjahre damit.

Die SPD verbiß sich in den siebziger Jahren in die an sich erfolgreiche Konzeption des "Wandels durch Annäherung", die dann aber in der Konsequenz keineswegs auf die Vereinigung abzielte, auch wenn dies ab 1989 wiederholt, wenn auch wenig glaubhaft behauptet wurde.

Die C-Parteien bemühten lange Zeit den völkerrechtlich auch territorial vorgegebenen Rahmen (Kohl noch 1988: "Schlesien bleibt unser!"), um aber in den bewegenden Tagen von 1989 kurzerhand selbst die grundgesetzliche Vorgabe nach Paragraph 146 als leicht zu verzichtendes Gebäck zugunsten eines ominösen Beitrittgebietes über Bord gehen zu lassen. Das in diesen Kreisen zuvor gerne bemühte Wort von "Freiheit vor Einheit" fand schließlich mit der eigentlich hier besonders in Rede stehenden Enteignung in der SBZ von 1945 bis 1949 seine Krönung. Anstatt nun endlich freiheitliche Strukturen auf den Bereich der so schmählich untergegangenen DDR zu übertragen, wurden völkerrechtswidrige Enteignungen legitimiert.

"Am Anfang der Einheit stand eine Lüge", wie kürzlich Michael Naumann, Chefredakteur der "Zeit" angesichts der Straßburger Prozesse diesen Sachverhalt (am 29. 1. 04) präzise benannte (es war selbstverständlich nicht die einzige). Nachdem nun auch die von Kanzler Kohl seinerzeit im Bunde mit dem rasch beschlossenen Solidarbeitrag in Aussicht gestellten "blühenden Landschaften" ausblieben, sollte man eigentlich meinen, daß spätestens nach der verdienten Wahlniederlage Kohls das politische Sterbeglöckchen des "Kanzlers der Einheit" läuten würde. Doch der rheinische Flügel, offenbar nachgerade von der Zähigkeit eines nicht gegarten Saumagens, gibt sich nicht auf. Gerade mußte Parteifreund Günter Buchstab von der mit viel, sehr viel Steuergeld gesegneten CDU- nahen Adenauer- Stiftung in den Unterstand der an sich schon sturmreif geschossenen Stellung, um das letzte Gefecht doch noch für diesen Flügel zu entscheiden. Schließlich ist auch der wegen einschlägiger Parteispendenäffären nicht unbekannte Herr Schäuble auf das Amt des Bundespräsidenten aus...

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19. 2. 04 nahm er sich ausgerechnet die wissenschaftlich mit höchstem Lobe bedachte Dissertation der Parteifreundin Constanze Paffrath vor, um dicke Granaten abzuschießen, die die verheerenden Einschläge der Wahrheit mit dichten Nebel bedeckten sollten. Vergeblich, der frische Wind der von diesem Flügel seit je so gefürchteten Aufklärung hatte bereits zuvor alles lückenlos aufgedeckt.

Günter Buchstab, offenkundig geübt in Polemik, wählt bei seiner Rezension nicht den offenen Abtausch. Begrifflich bedient er dazu in geradezu demagogischer Manier das Vokabular der SED; er spricht von "im Verein mit KPD und SED enteigneten Großgrundbesitzern". Ist jemand mit 101 Hektar Land schon eine Großgrundbesitzer? Und wenn er 500 Hektar besitzt, ist er damit jenseits der freiheitlichen Rechtsordnung? Besitz wird anderweitig durchaus auch als Unterpfand der Freiheit verstanden, nur die Bolschewiken versuchten im großen Stil daraus eine verquere Antithese zu bilden, die am Ende dieses blutigen Irrtums einmalig große Opferzahlen im Gefolge aufwiesen. Die Umstände waren nach dem blutigen Vorbild aus Moskau 1945 im Bereich der späteren DDR nicht rechtsstaatlich. Aber der Rezensent meint dennoch mit dieser läppischen Rückgriff auf die Bezeichnung Großgrundbesitzer auf populäre Weise Geländegewinn zu machen.

Günter Buchstab zitiert die Promovendin, die beklage, daß die Medien "Schweigen" über das Thema ihrer Arbeit ausgebreitet hätten, und versucht damit zu einem Buch namens "Allianz des Schweigens" eines Geschädigten überzuleiten, dessen Lebensgang exemplarisch für jene steht, die doppelt enteignet wurden. Buchstab versucht nun dem Leser sehr verschlüsselt zu suggerieren, daß Constanze Paffrath angeblich "verschweigt", Autor und Titel jenes Buches zu kennen. Das Wort "verschweigt " soll auf unheimliche Weise die Nähe zu Lüge, Unwahrhaftigkeit, falscher Beweisführung, zweifelhafte Hintergrundkontakte assoziieren. Er braucht dringend diese Argumentationskette, um den Leser darauf vorzubereiten, daß jene unterschwellige Nähe zu Autor Udo Madaus, Geschädigter aus dem sächsischen Radebeul, die wissenschaftliche Arbeit seiner Parteifreundin zu "unkritischer Übernahme" der Positionen der Enteigneten geführt habe und "Fragezeichen" setze. "Denn", jetzt kommt die miese Breitseite der Positionen interessierter Parteikreise, "dadurch handelt es sich wohl eher um eine Art ŽAuftragsarbeit` als um kritische Wissenschaft, die sich sine ira et studio des Themas annimmt". Dieses ehrenrührige Urteil müßte an sich für Promovendin und ihren "Doktorvater" erhebliche rechtliche Konsequenzen haben, doch das ist hier nicht zu erörtern.

Ist der wissenschaftliche Wert dieser Arbeit erst einmal in Zweifel gezogen, scheint es für Günter Buchstab leicht, das sowjetischen Beharren auf Unumkehrbarkeit der SBZ- Enteignungen durch Randfiguren des riesigen Moskauer Apparats belegen zu wollen. Er zitiert dafür als Beweis "Äußerungen" einen gewissen Genossen Schikin, Leiter der Außenstelle der sowjetischen Botschaft in Berlin heran. Das wäre so, als hätte ein CDU- Funktionär aus Untermaßholderbach einen grandiosen Plan zur Rettung der bundesdeutschen Staatsfinanzen durch einen sofortigen Militärpakt mit Ruanda offeriert.

Zudem muß daran erinnert werden, daß Funktionäre dieser sowjetischen Außenstelle zu jener Zeit im Ostteil Berlins noch in engster Verbindung zu den gerade erst gestürzten SED-Machthabern standen. Vermutlich eine kleine "Gefälligkeit", die wenig kostete, und die der gerade um Anerkennung ringenden SED- Nachfolgepartei PDS erste Reputation verschaffen sollte. Hier wäre der von Buchstab angeführte Begriff von einer "Art Auftragsarbeit" durchaus angebracht. Aber das verschweigt er. Auch, daß das sowjetische Regime selbst unter Gorbatschow noch streng zentralistisch geleitet wurde, was wohl bei einem tatsächlichen ideologischen Vorbehalt Moskaus die Bundesregierung vor die Frage gestellt hätte, tatsächlich zwischen Einheit und Teilung zu entscheiden. Aber diese Forderung bestand nicht. Wohl aber die Einsicht Gorbatschows, daß ein erfolgreicher Aufbau die Umkehrung der Revolutionsprinzipien seiner blutbesudelten Altvorderen von 1917 bedeute.

Warum sollte Jahre später die Existenz dieser Frage bei den Einheitsverhandlungen von Gorbatschow ausdrücklich geleugnet werden? Diese Frage läßt Günter Buchstab ebenso unbeantwortet wie die völkerrechtlichen Aspekte der Vereinigung: Die Haager Landkriegsordnung wendet sich strikt gegen Eingriffe der Besatzungsmächte in das wirtschaftliche Leben eines besetzten Landes. Hierzu gehört auch die Wiener Konvention, die Verträge und Abmachungen für nichtig erklärt, sofern sie unter Druck einer auswärtigen Macht zustand gekommen sind. Deshalb scheint auch sein Hinweis auf den "damaligen Koloß" Sowjetunion so verfehlt. Der Riese war längst ins Wanken gekommen. Und über die tatsächliche Potenz der zehntstärksten Industriemacht der Welt, der DDR, wußte Kanzler Kohl bestens Bescheid. Wenn nicht, dann hätte ihm spätestens ein Anruf bei Franz Strauß Aufklärung verschafft: War der doch bei der Einfädelung des Milliardenkredits im Bunde mit dem Genossen Schalk-Golodkowski so gut informiert, daß er dem Vernehmen nach für sich selbst noch die Vermittlungsgebühr einstrich.

Im Zuge dieser Debatte um die SBZ- Enteignungen meldete sich auch Richard Schröder, SPD-Fraktionsvorsiitzender in der Volkskammer 1990 und heute Theologie- Professor in Berlin, ebenfalls in der "Zeit" am 19. 2.04 unter dem Titel "Als wären wir eure Hereros" auf Seite 17 zu Wort. Die Plazierung läßt erkennen, daß Chefredakteur Michael Naumann nicht von seiner zuvor gegebenen sauberen Analyse abweicht. Dies um so mehr, als Richard Schröder vermutet, daß es bei einer Veränderung der Rechtslage damals zu einem "Aufstand" gekommen wäre. Unmut und Wut kam aber vor allen deswegen auf, weil westdeutsches Treibgut, üble Glücksritter aus trüben Branchen des Händlergewerbes, mit ungedeckten Schecks, dubiosen Verträgen und lügnerischen Versprechungen die in diesen Geschäften ungeübte Landbevölkerung schamlos betrog.

Daß die schon verantwortliche Bundesregierung unter Kanzler Kohl die Probleme des Absatzes agrarischer Produkte nicht zu regeln wußte (oder wollte), beschreibt Schröder zutreffend; die Folgen sind noch heute spürbar. Aber dies hat nichts mit den Eigentumsfragen zu tun, oder nur soviel, daß aktive und kundige Alteigentümer ihre Kenntnisse ebenso wie ihre Beziehungen sofort eingesetzt hätten, um den verwaisten Regionen geistige Impulse zu stiften, die sich kurzfristig segensreich ausgewirkt hätten. Aber das gibt Richard Schröder nicht zu bedenken

Darin ähnlich Günter Buchstab: Der fragt am Schluß seiner Rezension, warum Frau Paffrath so engagiert die Position einer Interessengruppe vertritt, statt sich gebotener wissenschaftlichen Neutralität zu verpflichten? Die Antwort ist leicht: weil beides möglich ist!


Der Kommentator und Publizist K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"



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