A u t o r e n b e i t r ä g e


Rezension (Auftragsarbeit):


Ala Bashir /Lars Sigurd Sunnana: "Im Namen des Terrors",
List Verlag, 2004. 381 Seiten, Preis 22,90 Euro, ISBN 3-471- 79488- 3

von Klaus Peter Fischer


Was der deutsche Physiker Ludwig Boltzmann lapidar 1887 mit den Worten umschrieb: " Der Kampf um das Dasein ist vor allem und wird in immer stärkerem Maße ein Kampf um die Beherrschung und die Erzeugung von Energie", liefert in gewisser Weise einen der Hauptschlüssel für die verheerenden Kriege und Spannungen der Neuzeit. Afrika, Ägypten und die gesamte arabische Welt rückten erst dann wieder deutlicher in den Blick führender europäischer und überseeischer Mächte, als neue Techniken energetische Fragen aufwarfen.

James Watts stampfende und qualmende Dampfmaschinen und Arkwrights ratternden Webstühle schärften damals - anders als in Deutschland - dauerhaft den Sinn der politischen Oberschicht Großbritanniens für Belange der "Industrielle Revolution". Der 1919 in Versailles erleichtert ausgestoßene Ruf: "Eine Woge von Öl trug die Alliierten zum Sieg!" markierte scharf den Trennungsstrich zu den Mittelmächten, die es sehr wohl in der Hand gehabt hätten, dem bereits kränkelnden Ottomanischen Reich den Rücken zu stärken. Gehörten doch dazu die bereits 1534 von den Türken eroberten Provinzen Mosul, Bagdad und Basra, deren Ölreichtum freilich erst später seine eigentliche Bedeutung erhielt.

Als die Türken 1914 sich an die Seite der Mittelmächte stellte, setzten die Engländer sofort ein angemessenes Expeditionskorps bei Basra an Land, um sich die Erdölfelder zu sichern. Seither tobt ein mit wechselnden Mächten noch keineswegs zur Ruhe gekommener Kampf bis in die Gegenwart, der nicht nur um Öl, Fördermengen und strategische Positionen und Neuordnungsversuche der Region geführt wird. In seinen eigentümlichen historischen Verschränkungen wirft er auch längst prinzipielle machtpolitische Fragen ganz neuer Art auf, die selbst das bislang einigermaßen zureichend funktionierende politische System des alten Europa in seiner freiheitlich gefaßten staatlichen Existenz bedrohen wie der überwunden geglaubte "Terreur" seit den Tagen der französischen Revolution nicht mehr. Dies schließt den Schrecken religiöser Herausforderungen eines vollkommen von uns verschiedenen Kulturkreises ein.

"Im Namen des Terrors" heißt deshalb auch ein soeben erst aus norwegischer Übersetzung verlegtes Buch aus der Feder des Leibarztes von Saddam Hussein, Ala Bashir, mit ebenso erhellenden wie fremdartig anmutenden Inneneinsichten in das Herrschaftssystem des Irak.

Mediziner sind selten ausgemachte politische Köpfe, aber sie tragen in sich das an Kranken- und Sterbebetten erworbene Wissen um menschliche Leidenschaften, um Gier, Neid und Wahn, ebenso in sich wie das Wissen um menschliches Hoffen, um Streben nach Glück, nach Liebe und Barmherzigkeit. Das schafft gewiß die Voraussetzungen für eine Vielzahl von jenen "subjektiven Faktoren", die manche politische Beobachter gerne ausgeschaltet wissen möchten. Doch praktisch tragen diese in sich die Chance, den nackten Fakten militärischer oder wirtschaftlicher Art jenes Kolorit zu verschaffen, aus dem sich die für mitteleuropäische Köpfe oftmals seltsam anmutenden Anschauungen des Orients bilden.

Ala Bashir stammt aus der irakischen Oberschicht, für deren Angehörige es den fast fest vorgeschriebenen Weg nach oben über den Besuch eines Elitegymnasiums in Bagdad gab. Dort fanden sie sich zusammen, die später, nach Studium und diversen ausländischen Visiten und Kontakten, die Geschicke des Landes in Politik, Wirtschaft, Militär und Kultur bestimmen. Ala Bashir entscheidet sich für Medizin, weitet durch das Studium der Malerei nicht nur seinen Horizont, sondern gerät dadurch in die Gunst des Sadam Hussein, zu dessen Lieblingskünstler er zeitweise avanciert.

Zu dieser biographischen Kurve, die steil nach oben weist, gehört noch ein Militärdienst, den er an einer exklusiven Militärakademie ableistet. Früh wird deshalb sein Blick für die Lage seines Landes, für seine Macht und Ohnmacht geschärft. Schon als Eleve am elitären Zentralgymnasium kommt er mit Nuri al-Said, dem damaligen Ministerpräsidenten, in Verbindung, der bereits vor und während des Zweiten Weltkrieges eine prägende Rolle in der irakischen Politik einnahm. Den ihm stets unterstellten probritischen Hintergrund weist er in einem Gespräch mit dem Gymnasiasten Ala Bashir von sich, weil er die Geschicke seines Landes am ehesten nur durch ein geschicktes Lavieren zwischen den Interessenlagen der Großmächte zu behaupten können glaubte.

Tatsächlich war es so, daß der Irak im Zweiten Weltkrieg in eine katastrophale Wirtschaftskrise geriet, weil die Tore für den Export fest verriegelt waren. Das Land kommt 1941 unter der Anführung des arabischen Nationalisten Raschid el Gailani zu einem Putsch, bei dem es um die Abwehr der Briten geht, die das Land als Aufmarschgebiet gegen das französische Syrien wie als Öllieferant (Mossul) nutzen wollen, ohne für die Nachkriegszeit Garantien für eine Neugliederung und Souveränität zu geben. Die Proteste wachsen an und geraten zu Massenkundgebungen, als englische Truppen in Basra landen. Schließlich greift US- Präsident Roosevelt mit wiederum eigener Interessenlage ein, indem er die "Garantie für die Schaffung eines großarabischen Reiches nach siegreich beendetem Krieg" und die Aufhebung der Balfour- Deklaration versprach.

Zu diesen panarabischen Bestrebungen des Irak treten mit dem Aufkommen der Sowjetunion als Gegenspieler zu den Westmächten nach dem Bruch der Kriegskoalition auf, die mit äußerst geschickter ideologischer Diversion auf der sozialistischen und nationalen Klaviatur arabischer Aspirationen zu spielen weiß. Doch keine Frage, die in jederlei Hinsicht "Ungläubigen" Moskowiter können sich auf Dauer nicht in der Region behaupten, das Pendel schlägt zurück: der Bagdad- Pakt vereinigt so unterschiedliche Länder wie Türkei, Iran, Pakistan unter britischer Federführung.

Die "rote Gefahr" scheint gebannt, doch die innere Gärung dauert fort. Der Blick fällt nunmehr auf das englische Militär: 1954 hat der letzte britische Soldat das Land verlassen. Doch zwei Jahre später, es tobt die Suez- Krise, bei der London und Paris versuchen, ihre vormaligen Positionen als Kolonialmächte zu behaupten, wächst die panarabische Front erneut an. Doch die USA bestimmen seit 1945 stärker als vordem den Lauf der Dinge: Paris, London und der junge, aber bereits militärisch machtvolle Nationalstaat Israel müssen dem Druck Eisenhowers weichen. Die "freien Offiziere" unter dem Kommando Gamal Abdul Nasser stehen plötzlich als triumphierende Sieger mit großer Ausstrahlungskraft in den gesamten arabischen Raum da. Zwei Jahre später trägt das "Frucht": ein Militärputsch, der unter dem Motto "Besiegt den Imperialismus und seine Agenten" agierte, beendet die Herrschaft der Faisals. Mit dem Ende der Macht des Königshauses endet auch die Regentschaft Nuri al- Saids: Der Sohn wird erschlagen und zur Freude des johlenden Mobs auf offener Straße verbrannt, während über den Leichnam des exhumierten Vaters die Fahrer der Linienbusse Bagdads fahren müssen.

Genau hier ist der Punkt, wo das geopolitische Feld und seine immerfort wechselnden Varianten das ohnehin schon blutig genug gefärbte Feld des Gewohnten verlassen: Grausamkeit und Despotie, in dieser Form in Mitteleuropa unbekannt, bestimmen die Sphäre im Innern des Landes.

Das Söhne betuchter Eltern in einem gewissen Lebensabschnitt unter massivem Einsatz finanzieller Mittel auch hierzulande gelegentlich über die Stränge schlagen, ist geläufig. Es ist als Tendenz wohl unausrottbar. Aber das Söhne arabischer Herrscher die Macht ihrer Väter vollständig mißbrauchen, um sich Frauen unter Einsatz brutalster Mittel gefügig zu machen, zeigt die Dimensionen eines anderen Kulturkreises und ihre unsägliche Verschränkung mit Willkür und Sadismus an.

Ein Beispiel: Uday, Sadam Husseins ältester Sohn, stellte regelrechte Fangkommandos zusammen, die ihm junge Frauen aus der irakischen Oberschicht wie wilde Hasen zutreiben müssen. Die von ihm geschändeten Frauen wurden dann oftmals mit glühenden Brenneisen wie Vieh markiert und haben noch die Ächtung der verschont gebliebenen Oberschicht ertragen. Eine polizeiliche oder juristische Intervention ist unmöglich, weshalb individueller Terror, Familienrache, als einziger Ausweg aufscheint. Als Sohn Uday eines Tages der Rache durch einen betroffenen Familienclan verfällt und mit einer Vielzahl von Kugeln aus Maschinenpistolen durchlöchert wird, muß der Leibarzt Saddams und sein Team für den lebensgefährlich Verletzten einspringen.

Der Sohn kann zwar gerettet werden, doch das Hirn bleibt wegen gewisser Durchblutungsschäden geringfügig geschädigt. Niemand wagt dem Vater die Wahrheit zu sagen. Wie im Altertum verfällt der Überbringer schlechter Nachrichten dem Tod. Die Behandlung verzögert sich deswegen. Nach der schließlichen Teilgenesung Udays, übrigens insbesondere durch deutsche und französische Ärzte befördert, wird dem an diesem Attentat an sich unschuldigen Leibwächter im Beisein von Ehefrau, Kindern und Nachbarn die Zunge herausgeschnitten. Vater Saddam tröstet später Sohn Uday mit den Worten:" Mein Sohn, Männer müssen damit rechnen, daß ihnen so etwas zustößt".

Übrigens: Da es gerade zeitlich paßt, Uday war Generalsekretär des nationalen Olympischen Komitees des Irak. Vermutlich hätte schon ein bloßer Sportjournalist Auskunft über die verbrecherischen Neigungen von Saddams Sohn Auskunft geben können. Wieviel mehr noch die diversen Dienste, die ja auch um diese Spiele keinen Bogen machen. Doch seit diese Sportveranstaltungen stärker als je im Banne von Geld stehen, scheint dies auch niemanden mehr zu genieren.

Der Wert von Ala Bashirs Aufzeichnungen liegt nicht nur darin, daß gewissermaßen en passant die wechselhafte Geschichte des Landes für den Leser nachvollziehbar entwickelt wird, sondern wertvoller scheinen noch die intimen Inneneinsichten in die politisch- religiöse Welt der Oberschicht zu sein. Gerade diese Einblicke müßten politische Kräfte des Auslands davor warnen, leichtfertig auf erprobte Rezepte des Abendlandes zu setzen. Gerade die schlüssigsten, aber von außen gegebenen Argumente dürften den geringsten Widerhall in Bagdad finden, sie würden vielleicht für den Augenblick blinzelnde Zustimmung erfahren, um gleichzeitig als Zeichen von Schwäche ausgelegt und verworfen zu werden.


Der Rezensent K. P. Fischer ist Autor des Sachbuches "Kirche und Christen in der DDR", Verlag Gebr. Holzapfel, und des unlängst im Ludwigsfelder Verlagshaus erschienen Romans "Der Schein"



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